«Das Clown-Business ist hart»

Praktikant FM1Today, 26. Mai 2019, 13:34 Uhr
Er trägt eine rote Nase, hat riesige Schuhe und ist tollpatschig. Der St.Galler Alexander Ott hat einen aussergewöhnlichen Beruf: Er ist Clown. Doch seine Arbeit ist nicht nur lustig, wie er im Interview verrät.
FM1Today: Wo ist deine rote Nase geblieben?

Alexander Ott: Diese trage ich nur für die Kinder und auf der Bühne. (lacht) Humor hat in meinem Alltag natürlich auch ohne rote Nase seinen Platz.

Wie viel Clown bist du privat?

Die Frage ist: Was ist überhaupt ein Clown? (denkt lange nach) Für mich ist das Clown-Sein eine innere Haltung, wie ich dem Leben entgegentrete. Und dies tue ich oft sehr nachdenklich und ruhig. Ich beobachte meine Umwelt genau. Denn nur so kann ich die Alltagskomik einfangen. Natürlich bin ich auch gerne gesellig und mache Spässe. Auf der Bühne präsentiere ich dann meinen überspitzten Charakter.

 

«Eigentlich wollte ich Schauspieler werden»

 

Wie kommt man auf die Idee Clown zu werden?

Als Kind und Jugendlicher mochte ich keine Clowns. Ich wollte immer Schauspieler sein. Doch da die Schweiz ein recht hartes Pflaster dafür ist, entschied ich mich zuerst für den klassischen Weg und absolvierte die Ausbildung zum Pflegefachmann.

... wo du ein Burnout hattest.

Genau. Ich wurde nie glücklich im Pflegeberuf, obwohl ich die Zusammenarbeit mit den Menschen liebte. Doch mein Drang als Schauspieler auf der Bühne zu stehen wurde immer stärker. In der Freizeit spielte ich in verschiedenen Theaterproduktionen mit. Erst dort ging mein Herz richtig auf.

Daraufhin hast du die «Clown-Akademie» absolviert, um Spitalclown zu werden. Schauspieler ist jedoch nicht gleich Clown.

Das stimmt. Das Diplom «Schauspieler für Clown und Comedy» war für mich das ausschlaggebende Argument für die «Clown-Akademie». So konnte ich quasi alles unter einen Hut bringen. Doch noch während der Ausbildung verlor ich mein ganzes Herz an das Clown-Sein.

Warum?

Ich lernte, dass die wahre Kunst nicht darin besteht Menschen mit Dramen zum Weinen zu bringen, sondern die Menschen zum Lachen zu animieren. Clown zu sein bedeutet nicht nur zu lernen, wie ich lustig bin, sondern wie ich Gefühle beim Publikum auslösen kann. Und so kam ich zurück zu der Arbeit für und mit den Menschen – was mir am wichtigsten ist.

 

«Ich arbeite mit Flüchtlingskindern, die Folter erlebt haben»

 

Eine weitere Kehrtwende in deiner Karriere war das Kennenlernen deiner «Clownin», wenn ich sie so nennen darf.

Du darfst. Meine spätere Ehefrau hat mich in der Clown-Ausbildung wortwörtlich umgehauen. Wir mussten zusammen «Ohrfeigen» üben und sie schlug so fest zu, dass ich tatsächlich umkippte vor Überraschung. Da musste ich sagen: «Tolle Frau!» (lacht)

Heute steht ihr gemeinsam auf der Bühne. Dazu arbeitet ihr zweimal pro Woche als Kinder-Therapie-Clowns. Wie kann ein Clown Probleme lösen?

Es geht vor allem darum die Kinder wahrzunehmen. Unabhängig von Diagnose, Krankheitsbilder und sozialen Umständen. Wir versuchen dem Kind aufzuzeigen, dass es wertvoll ist. Zum Beispiel durch Missgeschicke des Clowns. So schenken wir dem Kind Selbstbewusstsein und es kann daran wachsen. Es sind sehr langsame Prozesse, doch die Clown-Arbeit wirkt heilend.

Daniel M. Frei / Duo Alexander & Beatrix Ott
Daniel M. Frei / Duo Alexander & Beatrix Ott

Was war dein prägendstes Erlebnis in der Arbeit mit den Kindern?

Es gibt viele haarsträubende Geschichten. Besonders nahe gehen die von Flüchtlingskindern, die mehrere Jahre auf der Flucht waren und unter anderem Folter erleben mussten. Bei diesen Kindern geht es in erster Linie darum hier im Land zuerst einmal anzukommen. Das schnelle Eingliedern in das Schweizer Schulsystem ist für sie vielfach überfordernd. Weil noch so viele unverarbeitete Emotionen vorhanden sind, ist es unsere Aufgabe, ein Stück Leichtigkeit und Kindseindürfen in den Alltag einzubringen. Die Kinder dann wieder frei Lachen zu sehen, ist das prägendste Erlebnis.

 

«Clown zu sein ist mein Traumberuf»

 

Was fällt dir bei der Arbeit mit Kindern speziell auf?

Die Kinder von heute haben immer weniger Fantasie. Früher konnte ich einen grossen Schaumstoff-Würfel nehmen und sagen: «Hier, dies ist eine Torte, komm wir machen eine Tortenschlacht!» Und das Kind spielte begeistert mit. Heute kommt vielfach die Antwort: «Nein, stimmt nicht. Dies ist ein Würfel!» Das stimmt mich traurig. Wo führt das nur hin? Hier ist Clown-Arbeit gefragt. Die Kinderfantasie verarmt durch den Handy- und Fernsehkonsum.

Wie schwierig ist es, als freischaffender Clown, eine Familie zu ernähren?
Sehr schwierig. Manchmal kommen lange kaum Aufträge rein und dann «räbblets» wieder. Nebenbei arbeite ich deshalb sporadisch als Videojournalist sowie bei einem Cateringunternehmen.

Doch ein Kind lachen zu sehen gibt mir schlussendlich viel mehr, als ein volles Bankkonto. Das Clown-Business ist nicht immer einfach, aber ich würde es auch nicht hergeben wollen.

Praktikant FM1Today
veröffentlicht: 26. Mai 2019 13:24
aktualisiert: 26. Mai 2019 13:34