«Die Medi-Tests haben mir die Zukunft verbaut»

Simon Riklin, 31. Oktober 2016, 18:09 Uhr
Die Medikamentenversuche wurden an über 1600 Personen durchgeführt.
© (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Über 1600 Personen mussten als Versuchskaninchen herhalten. Die Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen nehmen immer grössere Dimensionen an. Zahlreiche Opfer leiden bis heute unter den Versuchen.

«Die Medikamententests haben mir die Zukunft verbaut», sagt Walter Emmisberger.  Jahrelang wurde er gezwungen, Medikamente zu nehmen, ohne zu wissen wozu. «Mir war oft übel. Ich war immer müde und meine Hände zitterten. Darunter hat auch meine Schulleistung gelitten», ist Emmisberger überzeugt. Als Kind testete Roland Kuhn jahrelang Medikamente an ihm.

Walter Emmisberger leidet bis heute unter den Medikamentenversuchen. (TVO)
© TVO

Emmisberger hatte eine schwierige Kindheit. Er kam als uneheliches Kind in einem Gefängnis zur Welt, wurde in diverse Heime abgeschoben, jahrelang geschlagen und wurde schliesslich als schwer erziehbar abgestempelt.

Über 1600 Personen betroffen

Trotzdem erschrak Emmisberger als das wahre Ausmass der Versuche in diesen Tagen publik wurde. Ein Forscherteam um Historikerin Marietta Meier erforscht derzeit die Vorgänge. Die neuen Zahlen sind erschreckend.  Über 1600 Personen mussten als Versuchskaninchen herhalten. «Es waren mehr Personen betroffen. Und es wurden mehr Substanzen über eine längere Zeit getestet, als bisher angenommen», sagt Historikerin Marietta Meier zu TVO.

Es seien Dutzende Substanzen getestet worden bis in die 1980er Jahre hinein. Für die Versuche verantwortlich war der damalige Direktor der Klinik, Roland Kuhn (1912-2005). Er soll zusammen mit seinem Oberarzt Patienten mit nicht zugelassenen Medikamenten behandelt haben. «Er trat 1980 als Klinikdirektor zurück, führte die Versuche jedoch auch nach seinem Rücktritt weiter», sagt Meier.

Nach kritischen Medienberichten hatten Kuhns Erben dem Kanton Thurgau den Nachlass vor drei Jahren übergeben, damit die Vorwürfe auf einer möglichst breiten Quellenlage geklärt werden können. Die Staatskanzlei teilte im vergangenen Dezember mit, der Kanton habe einen Forschungsauftrag vergeben, der die klinische Psychopharmaka-Forschung in der Klinik in Münsterlingen und die Verantwortlichkeit der vorgesetzten Behörden und der pharmazeutischen Industrie beleuchten soll.

«Wer wusste was?»

«Es war ja kein Geheimlabor. Die Versuche wurden im grossen Rahmen durchgeführt. Viele Personen waren involivert. Nun geht es darum, herauszufinden, wer was wusste und wer für was verantwortlich war», sagt Meier. Sie geht davon aus, dass man auch ausserhalb der Klinik von den Versuchen wusste, «zum Beispiel bei der kantonalen Gesundheitsdirektion - damals Sanitätsdepartement genannt - sowie bei der Aufsichtsbehörde der Klinik.»

Das Forschungsprojekt läuft noch bis 2018 und wird vom Kanton Thurgau finanziert. Marietta Meier hofft noch mehr Betroffene der Versuche zu finden, um diese über ihre Erfahrungen zu befragen.

Der Kanton will sich nicht äussern

Versuchsopfer Walter Emmisberger hofft, dass die Aufklärung der Versuche rasch vorangeht. «Die Betroffenen sollten erfahren, was in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen abgegangen ist. Der Kanton sollte seine Schuld eingestehen und den Opfern eine Entschädigung zahlen», fordert Emmisberger.

Der Kanton Thurgau wollte sich heute nicht zu den Ergebnissen äussern. Man will zuerst den offiziellen Bericht abwarten. Mehr zum Thema ab 18.00 Uhr auf TVO - stündlich wiederholt.

Simon Riklin
Quelle: sir/sda
veröffentlicht: 31. Oktober 2016 17:43
aktualisiert: 31. Oktober 2016 18:09