«Nie! – Ok… – Megageil!»

Von Dario Cantieni
Feinste Verhältnisse in den Lüften
Feinste Verhältnisse in den Lüften © FM1Today
Meine Angst vor Schlangen ist defintiv grösser als meine Höhenangst. Trotzdem hätte ich auf 3’500 Metern über Meer doch fast lieber eine Anaconda gestreichelt, als mich aus dem Flieger zu stürzen. Ein Erfahrungsbericht.

Es gibt Leute, die gehen in ihrer Freizeit golfen. Oder Rad fahren. Oder Bier trinken. Und dann gibt es solche, die freiwillig und Kopf voran mit ein paar hundert Kilometern pro Stunde Richtung Boden schiessen. Wer ebendiese bestaunen möchte (beim Zuschauen darf gerne Bier getrunken werden, mit dem Golfen bitte bis nach dem Event warten), ist dieses Wochenende in Ebnat-Kappel genau richtig. Dort gehen die Schweizermeisterschaften im Fallschirmspringen über die Bühne. Passend dazu präsentieren wir: Ein Absprung in drei Akten.

1. Akt: Will ich das wirklich?

«Wenn dir jemand einen Bungee-Jump-Sprung schenken würde, würdest du runterspringen?» Diese Frage, einst auf irgendeinem Wir-machen-eine-Studie-Umfragebogen in der Schule gestellt, ging mir nicht mehr aus dem Kopf, alsbald ich folgende Nachricht bekam:

Der Sprung war nicht für beide – aber Kollege Morgen-Joe ist auch schon fünf Mal gesprungen…behauptet er zumindest. (Bild: FM1Today/Screenshot Dario Cantieni)

Um zum Fragebogen zurückzukommen. Ich habe Nein angekreuzt. Schmeiss mich doch nicht mit einem Seil am Fuss ‘ne Brücke runter. Was ich vor meinen Schulkameraden natürlich nie zugegeben hätte. Aber jetzt, viele Jahre später stellt sich die Frage erneut. Zwar kein Fragebogen und kein Bungee-Jump, aber die erste Reaktion war dieselbe. Schmeiss mich doch nicht mit einem Schirm auf dem Rücken aus ‘nem Flugzeug. Aber wieso eigentlich nicht? Was kann schon passieren? Heisst es nicht immer, man solle mal die berühmte «Comfort-Zone» verlassen und etwas wagen? Und was ist das letzte, das ich gemacht habe, was mich wirklich Überwindung gekostet hat? Wohl die Peperoni in der Migros nicht nach Farben zu wägen. Cantieni, das geht noch wilder. Also los!

2. Akt: Vom Ja zum aaaaah

In den folgenden Stunden nach der Zusage schwankte ich zwischen zwei Vorstellungen:

– Ein Bild von mir, wie ich nach dem Sprung in Zeitlupe vom Landefeld laufe und mir eine hysterische Menge ihre Babys entgegenhält, die ich küssen soll, weil ich jetzt ein Held bin.

– Bittere Tränen, die mir über das vor Angst schneeweisse Gesicht laufen, wenn ich auf Absprunghöhe dann doch kneife.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei den Instruktoren an den Schweizermeisterschaften in Ebnat-Kappel bedanken. Den sogenannten Tandem-Mastern. Die Jungs, die dich an ihren Bauch schnallen, um zusammen Richtung Boden zu schiessen. Bei der Vorbesprechung des Sprungs gaben sie mir das Gefühl, dass es nichts einfacheres und sicheres gibt, als einen Sprung aus 3,5 Kilometern Höhe. Ich bin mir ziemlich sicher, die könnten während des Absprungs mit drei Ming-Vasen jonglieren, gleichzeitig mit den Zehen einen Pullover stricken und dabei immer noch alles im Griff haben. Also Danke! Und so ging es in die Luft. Mit einer kleinen Propellermaschine schraubten wir uns in die Höhe und bestaunten das Toggenburg von oben.

800 m.ü.M.:

Das Geniessen der Aussicht beschränkt sich auf ein einfaches Wahrnehmen. Mein Blick zuckt nervös von einem Fenster zum anderen. Ich erinnere wohl an ein Reh, das auf einer Lichtung grast und dabei immer Angst hat, von einem Jäger über den Haufen geschossen zu werden.

Die Begeisterung hält sich (noch) in Grenzen – dafür ist die Kappe schön. (Bild: FM1Today)

2’500 m.ü.M.:

Mein Tandem-Master (der die coole Job-Bezeichnung absolut verdient hat) schnallt mich an sein Gewand, zieht meine Gurte an und probiert sich im beruhigenden Smalltalk. Das Gefühl, dass wir uns in einem schwankenden Flugzeug und nicht im Zug nach Zürich befinden, lässt sich aber leider nicht ganz wegreden. Trotzdem bin ich relativ ruhig, habe ein gutes Gefühl, fühle mich sicher. Dann ein Alarmton, ich rechne bereits mit Propeller-Ausfall, kein Benzin mehr, der Flügel brennt…und werde beruhigt. «Das bedeutet noch zwei Minuten bis zum Absprung», werde ich aufgeklärt.

3’500 m.ü.M.:

High Fives mit allen Springern, Türe auf, Riesenlärm. Mein Kopf ist leer, meine Blase zum Glück auch. Einer nach dem anderen stürzt sich in die Tiefe. Mit fröhlichem Grinsen im Gesicht verschwinden die anderen Springer aus meinem Blickfeld. Für sie ist es das tollste der Welt, ich könnte mit meinen Handflächen den Boden feucht aufnehmen. Wir rücken immer näher an die Türe, setzen uns auf den Rand, meine Füsse baumeln bereits im Freien. Ich lege meinen Kopf auf die Schultern des Tandem-Masters und weiss: jetzt gibt es kein zurück mehr.

3. Akt: Der Absprung

Und da ist es: Das Chilbi-Gefühl, wenn man wild genug war, sich auf eine der grossen Bahnen zu wagen. Die, die von hoch oben richtig steil in die Tiefe sausen. Das Gefühl, ins Nichts zu fallen. Komplette Leere für zwei Sekunden. Das Herz, die Zeit, die Welt – alles bleibt für einen Augenblick stehen. Und dann fliegt man. Nicht unbedingt das romantische Taube-fliegt-in-den-Sonnenuntergang-Fliegen, mehr so mit 120 Kilometern pro Stunde Richtung Boden. Und das Gefühl ist unbeschreiblich.

Der Rest ist schnell erzählt. Nach ca. 40 Sekunden öffnet sich der Schirm, man gleitet langsam vom blauen Himmel gen grüne Wiese. Landet, küsst ein paar Babys, die einem entgegengestreckt werden (das ist gelogen) und fühlt sich wie der König der Welt. «Ich hab’s gemacht. Und ich hab’s geschafft!» Hätte ich jetzt nochmals den Fragebogen mit der Bungee-Jump Frage in der Hand, ich würde wohl wieder Nein ankreuzen. Schmeiss mich doch nicht mit einem Seil am Fuss ‘ne Brücke runter. Lieber aus einem Flugzeug.


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