Noëlle Maritz über ihre Beobachtungen an der Frauen-WM

Die Schweizer Nationalspielerin Noëlle Maritz analysiert gegenüber Keystone-SDA die Frauenfussball-WM
Die Schweizer Nationalspielerin Noëlle Maritz analysiert gegenüber Keystone-SDA die Frauenfussball-WM © KEYSTONE/SFV/ANTHONY ANEX
Beachtliches Niveau, tolle Atmosphäre – und der VAR als Schwachpunkt: Die Schweizer Nationalspielerin Noëlle Maritz sieht an der WM viel Gutes und etwas Schlechtes. Mit der Schweiz hat Noëlle Maritz die WM-Teilnahme knapp verpasst.

Was die 23-jährige Mittelfeldspielerin vom VfL Wolfsburg an der Endrunde in Frankreich sieht, verstärkt aber den Ansporn, bei der nächsten WM selbst dabei zu sein. «Die Atmosphäre ist toll, und das Niveau wird immer besser», sagt Maritz vor den Viertelfinals, in denen es am Freitag zum Favoriten-Duell zwischen Frankreich und den USA kommt. Die Handhabe mit dem Videoassistent VAR findet Maritz nicht zufriedenstellend.

Noëlle Maritz, Sie verfolgen die WM aus der Ferne. Was fällt bislang auf?

«Das Niveau ist recht gut und wird immer besser, vor allem jetzt in der K.o.-Phase. Die Entwicklung des Frauenfussballs, die Richtung, in die er geht, stimmt. Physisch und technisch hat er einen grossen Schritt vorwärts gemacht. Die Medienpräsenz ist erfreulich und die Atmosphäre in den Stadien toll. Es gibt viele TV-Bilder und Zeitungsberichte, was gut ist für unseren Sport. Zugleich gibt es immer noch WM-Teilnehmer, die in der Entwicklung noch nicht so weit sind, denen die Unterstützung in der Heimat fehlt. Das 13:0 der USA gegen Thailand ist aber die Ausnahme.»

Wen sehen Sie vorne?

«Fussballerisch haben mich die Amerikanerinnen bisher am meisten überzeugt, auch wenn es im Achtelfinal gegen Spanien knapp war. In den USA geniesst der Frauenfussball schon lange ein hohes Standing. Es fällt aber auch auf, dass ansonsten die Europäerinnen tonangebend sind. In Europa verlief die Entwicklung in den letzten Jahren schneller und besser als etwa in Südamerika, wo die Grundlagen fehlen, um Schritt zu halten. Frankreich gegen die USA ist so etwas wie der vorweggenommene Final.»

Und Deutschland mit der ehemaligen Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg und mit vier Teamkolleginnen von Ihnen vom VfL Wolfsburg?

«Deutschland ist natürlich auch vorne dabei. Auch weil ich mit einigen Nationalspielerinnen zusammen spiele, verfolge ich die Auftritte der DFB-Frauen besonders aufmerksam. Mit einigen habe ich auch SMS-Kontakt. Fussballerisch haben mich die Deutschen bisher nicht restlos überzeugt. Sie haben sich im Lauf des Turniers aber schon gesteigert. Deutschland – Schweden wird sicher auch ein guter Viertelfinal.»

Was waren für Sie die Überraschungen dieser WM bisher?

«Die Stimmung und das mediale Echo finde ich sehr positiv. Der Videoschiedsrichter hat aber noch Steigerungspotenzial. Ich finde die Grundidee des VAR gut, Fehlentscheide zu verhindern. Allerdings wird inzwischen jedes Tor untersucht. Die Unterbrüche sind zu lang, und als Spielerin weisst du nicht mehr, ob du dich nach einem Tor freuen kannst oder nicht. Dass es in jedem Match acht Minuten Nachspielzeit gibt, ist nicht im Sinn des Spiels. Für mein Empfinden ist der VAR zu pingelig. Sein Eingreifen sollte sich auf die klaren Fehler in entscheidenden Momenten beschränken.»

Hinzu kommt die strikte Anwendung der neuen Regeln, zum Beispiel beim Stellungsspiel der Torhüterin bei Penaltys.

«Die Idee, dass die Torhüterin bei der Schussabgabe der Schützin mit einem Fuss auf der Line stehen muss, finde ich okay. Den Torhüterinnen fehlte aber die Zeit, die neue Regel einzuüben. Wenn du etwas über Jahre anders machst, kannst du es im Ernstfall nicht einfach abstellen. Du musst dich dann zu sehr darauf konzentrieren.»

Sind Sie für oder gegen den VAR?

«Ich bin gespalten, sehe Vor- und Nachteile in ihm. Allerdings kenne ich ihn bislang nur als Zuschauerin und weiss nicht, wie man ihn als Spielerin wahrnimmt.»

Auch die Gleichberechtigung ist wieder ein Thema. Fühlen Sie sich gegenüber den männlichen Fussballern benachteiligt?

«Ich persönlich nicht. Wir haben bei Wolfsburg Top-Bedingungen und spüren, dass der Verein auf uns setzt. Wir betreiben zwar den gleichen Aufwand wie die Männer und verdienen weniger dafür, die Männer ziehen aber auch mehr Publikum an. Es ist ein schwieriger Vergleich. Ob wir gleich viel verdienen sollten, sei dahingestellt. Die Unterschiede sind meiner Meinung nach jedenfalls zu gross. Trotzdem finde ich, dass die Richtung im Frauenfussball stimmt. Wichtig ist, dass die Entwicklung kontinuierlich weitergeht und nicht stagniert.»

Verspüren Sie beim Zuschauen auch Wehmut, weil Sie selbst mit der Schweiz nicht dabei sind?

«Es tut schon ein bisschen weh, auch weil wir in der Qualifikation so nahe dran waren. Vor allem als die WM-Kampagne im Vorfeld anlief und für die Mitspielerinnen im Klub die Vorbereitung begann, fühlte es sich manchmal wie ein Stich ins Herz an. Die Motivation, beim nächsten Mal dabei zu sein, ist dadurch umso grösser.»

(SDA)


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