Medikamententests bleiben ungeklärt

Krisztina Scherrer, 5. November 2018, 19:49 Uhr
(FM1Today/Krisztina Scherrer)
(FM1Today/Krisztina Scherrer)
In der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen wurden Ende der 1950er Jahre Medikamente an Patienten getestet. Im Archiv von Münsterlingen sind auch Dokumente von Tests in Herisau aufgetaucht. Jetzt hat Ausserrhoden die Fakten aufgearbeitet.

«Am 30.6. plötzlicher Exitus durch Herzversagen, wahrscheinlich katatones Hirnoedem», das steht in einem Schreiben aus dem Jahr 1957 der Heil-und Pflegeanstalt Appenzell Ausserrhoden an den Pharmakonzern J.R. Geigy AG (heute Novartis). In dem Brief geht es um den Medikamententest vom Präparat «G22355» an 16 Patienten der psychiatrischen Klinik in Herisau.

Patientin während Testversuchen verstorben

Im Sommer 2016 wurden zwei Dokumente öffentlich, die belegen, dass 1957 an der «Appenzell Ausserrhodischen Heil-und Pflegeanstalt» das Medikament «G22355», später unter dem Handelsnamen «Tofranil» bekannt, an Patienten getestet wurde. Eine Patientin starb während der Testversuche. Jetzt hat der Kanton Appenzell Ausserrhoden die Geschehnisse von damals ergründet.

«Das Vorgehen entsprach dem Zeitgeist»

Zusammen mit dem Staatsarchiv hat das Psychiatrische Zentrum Appenzell Ausserrhoden (PZA) die Nachforschungen durchgeführt: «Wir haben Direktions- und Verwaltungsakten durchsucht, waren im Staatsarchiv und haben nichts gefunden», sagt Prof. Dr. Uwe Herwig, Chefarzt an der PZA. Es gebe keine Hinweise dafür, dass die Patienten unfreiwillig Medikamente erhielten: «Das Medikament hat als Antidepressivum einen Meilenstein dargestellt, es wurde bis 2017 hergestellt. Das Vorgehen des Medikamententests entsprach damals dem Zeitgeist und dem Wunsch dem Patienten zu helfen.»

Patientin litt unter Krankheit

Da die Patienten im Schreiben von 1957 nicht namentlich sondern mit Nummern benannt wurden, konnte nur ein Fall rekonstruiert werden. Die Patientin, die während der Tests verstarb. Sie wurde über das Todesregister der Gemeinde Herisau gefunden.

Die Patientin ist nach damaligen Erkenntnissen an einer «akuten Hirnschwellung bei Katatonie» verstorben, einer Muskelerstarrung die zu Herzversagen führt: «Dies war damals eine klassische Todesursache für Patienten die unter Schizophrenie oder Depressionen litten. Wir wissen heute, dass dies nicht die Folge des Medikaments ist», erklärt Herwig. Die Patientin sei tragischerweise an ihrer Krankheit verstorben.

«Das Möglichste getan»

«Dem Kanton Appenzell Ausserrhoden war es ein Anliegen, in dieser Sache und dem was 1957 passierte, Transparenz zu schaffen», sagt Dr. Roger Nobs, Ratschreiber Appenzell Ausserrhoden. «Wir haben das Möglichste getan um die Vorkommnisse zu eruieren.» Sie seien jetzt an einem Punkt, wo sie nicht weiterkommen und auf andere Quellen angewiesen sind. «Angehörige und damalige Patienten können sich beim PZA oder bei der Opferhilfe St.Gallen/Appenzell Ausserrhoden melden. Wir warten jetzt ab, ob es im Fall Münsterlingen neue Erkenntnisse gibt, die Herisau betreffen.» Wenn keine weiteren Hinweise kommen, sei der Fall für sie abgeschlossen.

Krisztina Scherrer
veröffentlicht: 5. November 2018 19:49
aktualisiert: 5. November 2018 19:49