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Herisau

Neues Figurentheater mit Musik, Witz und Herz

Selina Schmid/Tagblatt, 22. Oktober 2021, 06:04 Uhr
Mit dem Figurentheatermuseum erfüllt sich Kurt Fröhlich einen Traum und schenkt Herisau ein Stück Kleinkunst. Am Sonntag ist die Eröffnung des Theaters mit «Hans im Glück».
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Quelle: tvo

Hinter den schwarzen Samtvorhängen blitzt ab und zu eine Hand hervor. Durch das Drücken eines Pedals erwacht die Kulisse ratternd und drehend zum Leben. Ein Quartett aus Hackbrett und Streichinstrumenten erklingt. Der blonde Hans im Glück beginnt zu singen und jauchzen. Es ist die erste Vorstellung von vielen im Figurentheater in Herisau, wie das «St.Galler Tagblatt» berichtet.

Der wahre Protagonist in Figurentheatermuseum ist Kurt Fröhlich. Er führt singend, lachend und erzählend durch den Abend und fesselt den vollen Saal. Dem Publikum entlockt er mal ein verzücktes Lachen, mal ein Ausruf der Überraschung. Fröhlich ist gelernter Ausdruckstänzer, doch seit 40 Jahren widmet er sich dem Figurentheater. Dafür zog er durch die ganze Welt und führte Tausende Vorstellungen auf. Gegenüber dem «Tagblatt» sagte er 2018: «Ich werde so lange Figurentheater spielen, bis ich umfalle.»

Für Kinder und Erwachsene mit Sinn fürs Theater

Im September 2020, mitten in der Coronakrise, erfüllte er sich einen Traum und eröffnete das Figurentheatermuseum in einem historischen Appenzellerhaus an der Oberdorfstrasse 18 von Herisau. Das Haus hatte er dafür ein Jahr lang vom obersten Dachgiebel bis zum Keller selbst renoviert. Auf mehreren Stockwerken ist eine umfangreiche Sammlung von lokalen und internationalen Marionetten, Handpuppen und Schattenfiguren ausgestellt.

Dazu kommen die Bibliothek und das umfangreiche Archiv, mit dem Kurt Fröhlich die wenig dokumentiere Kulturgeschichte festhalten will. In der ganzen Schweiz findet sich nur in Fribourg ein ähnliches Museum, das eine solche Sammlung ausstellt.

Das Theater und Foyer im untersten Geschoss waren die letzten Räume, die Kurt Fröhlich auf Vordermann brachte. Hier wird er regelmässig Märchengeschichten aufführen. Er sagt: «Die Aufführungen sind für Kinder, aber auch Erwachsene mit Sinn für dieses Theater gedacht.» Er möchte, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer freuen, inspiriert fühlen oder schlicht schöne Momente im Theater verbringen können.

Für Kurt Fröhlich ist das Theater ein Austausch zwischen den Protagonisten auf der Bühne und dem Publikum. «Für mich ist es wie Pingpong. Es ist wunderbar zu sehen, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer mitmachen.» Manchmal sei es genau ein halber Satz, der eine Reaktion auslöst.

«Hans im Glück» ist Fröhlichs erstes Stück im Herisauer Museum. Zu Beginn besitzt Hans einen Sack Gold, so gross wie sein Kopf. Er tauscht das Gold gegen ein Pferd, dieses gegen eine Kuh, bis ihm schliesslich sein letztes Hab und Gut, ein kaputter Schleifstein, in einen Brunnen fällt. Doch Hans bekümmert das nicht weiter, denn am glücklichsten ist er zum Schluss, als er nichts mehr hat. Kurt Fröhlich sagt: «Die Lektionen dieser Geschichte sind heute so wichtig: Hans ist am glücklichsten, wenn er nur noch hat, was es unmittelbar zum Leben braucht.»

Filigrane Figuren mit viel Charakter

Von der Idee des Stücks bis zur Aufführung dauerte es eineinhalb Jahre. Die Kulisse aus Zahnrädern und einem kleinen Fliessband ist eine Tüftelei von Kurt Fröhlich. Er sagt: «Beim Bauen habe ich Neues gelernt, etwa dass Zahnräder nicht einfach nur spitz sind, sondern eine ganz bestimmte Abrundung haben.» Die Figuren sind Unikate aus seiner Hand. Es dauert etwa neun Wochen, bis sich jede Figur genau so bewegt, wie Kurt Fröhlich sich das vorgestellt hatte. Jede Figur bewegt nur einen Körperteil, was ihr einen einzigartigen Charakter gibt.

An der Premiere am Mittwoch sind Freunde, Familie und Begeisterte dabei. Gemeinderätin Sandra Nater fasziniert Fröhlichs Handwerk: «Es braucht viel Können und Fantasie, bis diese Figuren so filigran sind und solchen Charakter bekommen.» Das Figurentheatermuseum bringe wertvolle und einzigartige Kultur nach Herisau, die Jung und Alt anspreche.

Alfred Stricker ist stellvertretender Landammann und Vorsteher des kantonalen Departements für Bildung und Kultur. Er sagt: «Es ist klein und bescheiden, doch durch die Leidenschaft, die Kurt Fröhlich hineinsteckt, reiht es sich ergänzend ein in die vielfältige Museumslandschaft der Region.»

Das Programm des Figurentheaters ist schon bis April geplant. Im Dezember wird Kurt Fröhlich etwa ein Weihnachtsstück und im neuen Jahr die «Bremer Stadtmusikanten» aufführen. Hinzu kommen Gastspiele von Theatergruppen aus Obfelden, Riehen oder Arbon. Auch Lesungen sind geplant. Die grosse Eröffnung des Figurentheaters ist am Sonntag, 24. Oktober, um 11 Uhr geplant. Es gilt die 3G-Regel.

Selina Schmid/Tagblatt
Quelle: St.Galler Tagblatt
veröffentlicht: 21. Oktober 2021 22:24
aktualisiert: 22. Oktober 2021 06:04