So herzig freut sich Mami Bischofberger

Dario Cantieni, 21. Februar 2018, 13:16 Uhr
Und plötzlich kennt man Oberegg auch in Südkorea. Marc Bischofberger aus dem kleinen Dorf in Appenzell Innerrhoden holt sich eine olympische Silbermedaille. Zuhause fliessen Freudentränen. Mutter, Schwester, Cousinen, Tante, Onkel, Gotte - sie alle feiern den Skicrosser der Stunde.

«Innerrhode hätt e Olympia-Medaille» -  dröhnt es durch die kleine Bar an der Oberegger Hauptstrasse. Es folgen «Bischi, Bischi, Bischi»-Rufe, Leute liegen sich in den Armen, Fäuste werden in die Höhe gereckt. Was für ein Morgen für das Appenzeller Dorf.

Zwei Stunden früher: Oberegg liegt im Dunkeln. Vereinzelt brennt Licht hinter den Fenstern. Nur die Houky-Bar von René Schmied ist bereits hell erleuchtet. Hier denkt niemand mehr an Schlaf. Falls diese Nacht überhaupt jemand im Bett war. Es werden Kafis ausgeschenkt, Gebäck und Gipfel rumgereicht. Dann geht es los. Achtelfinale. Daumen drücken.

«Ich kann nicht hinsehen»

Oberegg ist vereint. Im Glauben an eine Olympiamedaille. In der Hoffnung auf den schnellsten Innerrhödler. Der Fanclub von Marc Bischofberger hat sich die besten Plätze gesichert, dahinter steht das halbe Dorf. Die Bar ist proppenvoll. «Ich hoffe, es haut nicht mehr zu viele auf den Latz, sonst komm' ich noch zu spät zur Arbeit», erzählt der Schulbusfahrer von Oberegg, nachdem es bereits einige Verzögerungen wegen Stürzen von Athleten gab. Dabei zeigt er auf Astrid, die Mutter von Marc Bischofberger. «Sie fährt normalerweise auch Schulbus.» Heute hat sie aber sowieso frei und kann ihrem Sohn die Daumen drücken. Und ihr Gesicht ist bei jedem seiner Läufe in die Schulter der Tochter vergraben. Sie kann nicht wirklich hinsehen. «Zu Hause muss ich jeweils weg vom Fernseher. Ich komme dann erst zurück, wenn das Rennen vorbei ist und ich weiss, dass Marc heil unten angekommen ist.»

Silbermedaille, Stimmversagen, Freudentränen

Bischofberger meistert das Achtel-, das Viertel-, und das Halbfinale souverän. Die Bar (er)zittert. Der Finallauf: Vergessen sind die anderen Schweizer, die teilweise bereits früher ausgeschieden sind. Es gibt nur noch «Bischi». Nervös wird am Kaffee genippt, die ersten Biere werden rumgereicht, Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen. Man muss keinen Blick auf den Bildschirm werfen, um genau zu wissen, was in Südkorea abgeht. Früh stürzen zwei der vier Finalfahrer. Der Moment, in dem das Gesicht von Mama Bischofberger innerhalb von Sekunden praktisch alle Emotionen zeigt, die es gibt: Schreck, Verwunderung, Freude, Euphorie, Hoffnung. Es wird nochmals still, bevor Bischofberger die Ziellinie als zweiter überquert und die Silbermedaille auf sicher hat. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Selbst Astrid traut sich, hinzusehen - und liegt ihrer Tochter in den Armen.

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«Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich: Oberegg!»

Ganz Oberegg feiert. Wer kann, der schreit seine Freude in Richtung Bardecke. Wer heiser ist, krächzt seine Freude stimmlos vor sich in den Raum. So beispielsweise Marcs Cousine, Fabienne Bischofberger: «Es ist unglaublich, ich bin einfach sprachlos. Voller Emotionen, ich kann nicht mehr sprechen.» Ihre Stimme versagt schier, ihre Freude ist grenzenlos. Man ist stolz im kleinen Dorf in Appenzell Innerrhoden. Eine Dame aus Oberegg meint: «Wenn mich heute jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich: Oberegg!» Währenddessen nippt Stefan vom Fanclub an seinem Bier und sagt: «Ich hab' gesehen, dass die, die zur Arbeit gingen, alles Ausserrhödler und St.Galler waren, wir Oberegger bleiben hier.»

Nun ja, nicht ganz alle. Denn während vor der Bar ein Lastwagen mit zehn Harrassen Appenzeller Bier vorfährt, macht sich der Oberegger Schulbusfahrer auf den Weg zur Arbeit. Und fährt vielleicht den nächsten Olympiamedaillen-Gewinner aus Oberegg zur Schule.

Dario Cantieni
veröffentlicht: 21. Februar 2018 11:17
aktualisiert: 21. Februar 2018 13:16