Anzeige

«Besser, das Militär attraktiver machen»

Praktikant FM1Today, 6. April 2019, 12:44 Uhr
Mehr Diensttage, längere Wartezeiten und erschwerter Wechsel aus der Armee: Der Bundesrat will den Zivildienst unattraktiver machen. Ostschweizer Institutionen, die regelmässig Zivis einstellen, sind alles andere als begeistert.
Pro Natura Thurgau könnte die Arbeit ohne Zivildienstleistende nicht stemmen.
© Pro Natura Thurgau

Die Devise des Bundesrats lautet: weniger Zulassungen für den Zivildienst, also mehr Leute im Militär. Deshalb hat der Bundesrat eine entsprechende Zivildienstgesetz-Revision verabschiedet. Der hält Daniel Balmer, zuständig für Koordination Freiwillige und Zivildienst beim Pflegeheim St.Otmar, entgegen: «Ich fände es besser, das Militär attraktiver zu machen anstatt den Zivildienst zu erschweren.» Denn die Zivildienstleistenden würden sinnvolle Aufgaben für die Gesellschaft übernehmen.

«Zivis nehmen Druck weg»

Im St.Galler Pflegeheim St.Otmar arbeiten im Schnitt vier bis fünf Zivis, die in der Küche, bei der Aktivierung und der Betreuung mit anpacken. «Die staatlich unterstützten Zivis entlasten die Situation», sagt Balmer gegenüber FM1Today. Der Kostendruck steige unaufhörlich. «Auch die Bewohnerinnen und Bewohner freuen sich über die jungen, engagierten Männer», sagt Balmer. Nach dem Sozialwesen werden schweizweit die meisten Dienstage im Gesundheitsbereich geleistet.

«Schutzgebiete sich selber überlassen»

Ein weiterer, kleinerer Bereich ist der Umwelt- und Naturschutz. Pro Natura Thurgau stellt übers ganze Jahr verteilt 23 Zivis ein, die im Naturschutz tätig sind. Sie mähen Wiesen, ziehen Neophyten aus dem Boden und reissen Büsche aus. Die Zivildienstleistenden kümmern sich mit dem Reservatpfleger Stefan Lüscher um die insgesamt 30 Schutzgebiete im Kanton. «Die Zivis leisten wertvolle Arbeit», sagt Lüscher zu FM1Today. Er kann nicht nachvollziehen, wieso die Zulassungen zum Zivildienst erschwert werden sollen.

Stefan Lüscher von Pro Natura Thurgau schätzt die Zusammenarbeit mit den Zivildienstleistenden. (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Der stellvertretende Geschäftsleiter bei Pro Natura, Philip Taxböck, teilt die Meinung: «Wenn weniger Zivis zu uns kommen, müssen wir die Schutzgebiete schlimmstenfalls sich selber überlassen.» Die aufwendige Arbeit könne mit weniger Händen nicht gestemmt werden.

Laut Taxböck sollen Dienstpflichtige selber entscheiden, wo sie ihren Einsatz leisten. «Nun will der Bundesrat die freie Entscheidung einschränken, indem er Hürden baut.» Etwa ein Drittel der Zivis bei Pro Natura Thurgau war zuvor bei der Armee. Sie müssten neu ein Jahr warten, um nach der Rekrutenschule in den Zivildienst wechseln zu können. Zudem legt der Bundesrat eine höhere Mindestzahl von Diensttagen fest, die nach dem Wechsel zu absolvieren sind.

«Zivis das Leben schwer machen»

Auch das Altersheim Geserhus in Rebstein bedauert den Entscheid des Bundesrats, obwohl der Betrieb nicht auf Zivis angewiesen ist. Pro Jahr leisten eine bis zwei Personen im technischen Betrieb ihren Dienst. Trotzdem sagt Laurent Déverin, Geschäftsführer Geserhus: «Ich kann nicht verstehen, warum man Zivis das Leben schwer machen will.» Der Betrieb nahm ebenso wie über 100 andere Einsatzbetriebe an der Vernehmlassung Stellung zu den Zivildienst-Änderungen. Die Vernehmlassung ist abgeschlossen, der Bundesrat hat die Botschaft der Zivildienstgesetz-Revision verabschiedet. Demnächst beraten sich die Räte über die acht Massnahmen.

Im Kanton Thurgau wurden letztes Jahr über 15o Zivildienstgesuche angenommen. Weit darüber liegt der Kanton St.Gallen mit 316 Gesuchen. Die Zivildienstleistenden letztes Jahr in Appenzell Innerrhoden kann man fast an zwei Händen abzählen. In Ausserrhoden leisteten fast 60 Zivis ihren Dienst. In Graubünden waren es rund 75 angenommene Gesuche. Laut dem Bundesrat sollen künftig weniger Gesuche angenommen werden.
(lou)
Praktikant FM1Today
veröffentlicht: 6. April 2019 12:44
aktualisiert: 6. April 2019 12:44