Das letzte Stündlein hat geklingelt

Sandro Zulian, 2. September 2017, 03:17 Uhr
Die Telefonzellen in der Ostschweiz und in Graubünden sterben aus. Ab nächstem Jahr ist die Swisscom nicht mehr verpflichtet, die alten Münztelefone zu unterhalten. Wir zeigen, wo man im FM1-Land noch öffentlich telefonieren kann und welche Telefonzellen am häufigsten genutzt werden.

Die «Publifone» sind dem Tode geweiht. Gemäss Bundesrat ist das Schicksal der öffentlichen Telefone ab dem 1. Januar 2018 besiegelt: Ab diesem Datum gehören die Zellen nicht mehr zur Grundversorgung und Betreiberin Swisscom ist nicht mehr verpflichtet, die öffentlichen Sprechgeräte imstande zu halten und zu betreiben. Die Telefonzellen dürften bald gänzlich aus dem Stadt- und Gemeindebild verschwinden. Einige davon gibt es noch, genutzt werden sie allerdings kaum mehr.

Drogendealer und Flüchtlinge?

Gemäss Sabrina Hubacher, Mediensprecherin der Swisscom, gibt es im Kanton St.Gallen einen Spitzenreiter in Sachen Nutzung. Es ist das öffentliche Telefon am Marktplatz St.Gallen, direkt neben dem Waaghaus. Dort stehen zwei Zellen nebeneinander. Die rechte scheint die Nase vorn zu haben. Weshalb diese Zelle die meistgenutzte im Kanton ist, bietet Platz für Spekulationen. Der Marktplatz ist einer der meistfrequentierten Orte im Kanton. Flüchtlinge telefonieren wohl ab und zu nach Hause, und auch der Kantipark liegt nicht weit entfernt, einer der grössten offenen Drogenschauplätze der Ostschweiz.

Die am wenigsten genutzte Telefonzelle findet man nur 20 Minuten ausserhalb der Kantonshauptstadt in Muolen.

Kreuzlingen und Heiden haben die Nase vorn

Dass im Kanton Thurgau die Gemeinde Kreuzlingen und nicht Frauenfeld das am stärksten benutzte Publifon stellt, lässt ebenfalls Mutmassungen zu. In der Grenzgemeinde befindet sich das Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes. Hunderte Flüchtlinge leben in Kreuzlingen.

Auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden macht nicht etwa Herisau das Rennen, sondern die beschauliche Berggemeinde Heiden, hoch über dem Bodensee gelegen. Das Asylzentrum Landegg liegt nur eine Busfahrt entfernt in Wienacht-Tobel. Ob wirklich Flüchtlinge oder Drogendealer für die rege Nutzung einzelner Telefonzellen verantwortlich sind, lässt sich nicht erheben. Die Swisscom macht keine weiteren Angaben zur Nutzung.

Hier seht ihr, wo in der Ostschweiz und Graubünden am häufigsten / am seltensten öffentlich telefoniert wird.

Rückgang über 95 Prozent

Der fortschreitende Rückgang der Publifone kommt nicht überraschend. Sabrina Hubacher bilanziert: «Publifone werden heute kaum mehr genutzt, da fast alle ein Handy besitzen. Von 2004 bis 2016 ist die Anzahl Gespräche um 95 Prozent zurückgegangen.» Bei den Kabinen der Grundversorgung (solche Zellen, die zwingend bis Ende 2017 betrieben werden müssen) seien alleine im letzten Jahr über 30 Prozent weniger Gespräche geführt worden.

Hier findet ihr eine komplette Liste der noch existierenden Telefonzellen in der Ostschweiz und Graubünden.

Verlustgeschäft für die Swisscom

Die kaum genutzten Kabinen in den Ostschweizer Kantonen haben für die Swisscom erhebliche finanzielle Folgen. Da die Telefone kaum mehr genutzt werden, gibt es auch keine Modernisierung. Vandalismus und Schäden an den Geräten sorgen bei der Swisscom für Ärger: «Damit werden Ersatzteile rarer und der Unterhalt teurer – für eine Dienstleistung, die kaum mehr nachgefragt wird», sagt Hubacher. Obwohl die Swisscom die Zahl der Publifone bereits stark reduziert habe, arbeite der weitaus grösste Teil der noch betriebenen Geräte nicht kostendeckend. Der Telekom-Anbieter dürfte ab Ende Jahr aufatmen können: «Swisscom investiert in zeitgemässe und neue Technologien und wird den Restbestand weiter reduzieren.»

Wer will eine Telefonzelle kaufen?

«Eine Telefonzelle, die ihr Lebensende erreicht hat, wird fachgerecht rezykliert, abgebaut und nach den gültigen ökologischen Normen wiederverwertet», sagt Hubacher. Bis jetzt gebe es in der Region nur wenige Telefonzellen mit neuer Nutzung. Einzig in Weinfelden stehen zwei ausgediente Telefonzellen, die jetzt als Mini-Bibliotheken eine neue Bestimmung gefunden haben. Die alten Zellen stehen nach ihrem Lebensende übrigens zum Verkauf, wie Hubacher sagt: «Eine Kabine kostet 1500 Franken, plus Transport und Montage.»

Sandro Zulian
veröffentlicht: 1. September 2017 06:02
aktualisiert: 2. September 2017 03:17