Rorschach

Der Bodensee ist «seichwarm» – der Badhütte gehen die Anzeigetäfeli aus

27. Juli 2022, 14:56 Uhr
Eine wirkliche Erfrischung ist der Sprung in den Bodensee dieser Tage nicht mehr. Dass der Bodensee immer wärmer wird, zeigt auch die Ausstattung der rund 100-jährigen Rorschacher Badhütte: Es gibt nur Temperatur-Anzeigetäfeli bis 27 Grad.
28-Grad Anzeigetafeln hat die Rorschacher Badhütte keine.
© Rorschacher Echo

Nachdem die Sonne am Tag alles gegeben hat, sinkt sie gemächlich der Nacht entgegen – und stellt die Rorschacher Badhütte mit ihren letzten Strahlen ins Rampenlicht. Eine nette Szene, um in Sichtweite nochmal ins Wasser zu springen. Angenehm, auch wenn das dieser Tage kaum mehr eine Erfrischung ist: Der Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser ist relativ gering.

Bezeugen kann das die alte Badhütte selbst: Seit Jahr und Tag wird dort die Wassertemperatur gemessen und ausgeschildert – mit Täfeli aus Holz. Mit dem 27-Grad-Celsius-Täfeli hing letzte Woche aber das letzte – und höchste – aus dieser Produktion. «Seit ich hier bin, kam das vielleicht dreimal vor», sagt Beatrice Trachsel, die vor sieben Jahren die Leitung der Badhütte übernahm.

Leichte Abweichungen

Damit sich ein Gewässer wie der Bodensee derart aufheizen kann, braucht es konstant hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum. Je nach Quelle gibt es jedoch kleinere Abweichungen. Bodensee.net weist am Montag beispielsweise eine Wassertemperatur von 24,8 Grad aus, die IGKB (internationale Gewässerschutzkommission) dagegen einen berechneten Wert von 25,1 Grad in Rorschach.

Laut der Website Badi-Info.ch ist der Bodensee in Rorschach sogar 25,4 Grad warm. «Für uns macht ein Badegast seit Jahren die Messung am Morgen, am Nachmittag übernimmt das der Bademeister», sagt Trachsel. Eine leichte Abweichung ist auch bei dieser Messung möglich, dazu gibt es bei den Täfeli natürlich keine Kommastellen.

Es gibt nicht «die eine Messung»

Klar ist: Der Bodensee ist sehr warm. Die tatsächliche Höchsttemperatur des Bodensees zu ermitteln, sei aber schwierig, wie das Institut für Seenforschung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg gegenüber FM1Today erklärt. Grund dafür sei, dass der See nicht als Ganzes sondern nur an ausgewählten Messpunkten und mit entsprechenden Messintervallen untersucht werden könne. Doch auch die Experten sagen, dass es sich dieses Jahr um einen besonders sonnenreichen und heissen Sommer handle, der entsprechende Auswirkungen auf den Bodensee und sein Ökosystem habe. Hinzu komme, dass die erste Jahreshälfte deutlich zu warm und Trocken ausfiel.

Folgen für die Natur

Als bereits erkennbare Folgen nennen die Experten des Institut für Seenforschung das stärkere Wachstum der Unterwasserpflanzen im Flachwasserbereich. Wie ein Gürtel siedeln sie sich um den ganzen See in der geeigneten Tiefe an und wachsen mit langen Stängeln und Blättern Richtung Oberfläche. Die Unterwasserpflanzen, die viele Leute auch als "Seegras“ bezeichnen, sind ein sehr wichtiger Teil des Ökosystems. Sie dienen als Kinderstube für viele Fische, sorgen für klares Wasser, produzieren Sauerstoff und bilden auch einen gewissen Erosionsschutz für das Ufer und das Flachwasser.

Zudem würden sich auch an einigen Orten schwimmende grüne Algen-Teppiche bilden. Sie wachsen schnell an Stellen, wo es viel Nährstoffe gibt und das Wasser warm ist. Zudem könnten sich im Bodensee in besonders warmen Jahren in geschützten Arealen Polypen bis zur fertigen Qualle entwickeln. Bisher wurden allerdings noch keine gesichtet. Anders sieht es bei Fischen aus. Sie könnten unter der Hitze leiden. Dort komme es aber auf die Art und den Lebensbereich an.

Laut dem Institut sei ebenfalls auffällig, dass der Wasserstand des Sees momentan sehr tief sei. Am Bodensee ist der Wasserstand mehr als 80 Zentimeter (Stand 18.07.2022) niedriger als dies für die Jahreszeit üblich sei, so die Forschenden. Ein noch niedrigerer Pegelstand an diesem Datum gab es zuletzt im Jahr 2006.

Kein neues Phänomen

Dass der Badhütte die Temperatur-Täfeli ausgehen, ist zwar witzig – auf der anderen Seite wird die Badhütte damit zur tragischen Zeitzeugin der Klimaerwärmung. Laut Trachsel wurden die Täfeli mit der Badhütte «geboren» – also im Jahr 1924.

Damals hatte wohl niemand damit gerechnet, einmal eine Temperatur von 28 Grad anzeigen zu müssen. Wenn es so weiter geht, dann sind neue Täfeli aber spätestens in den nächsten Jahren nötig. Wie die Zahlen der IGKB zeigen, lag die durchschnittliche Wassertemperatur bei etwa 10,5 Grad. Mittlerweile bewegen sich die Mittelwerte um die 13-Grad-Grenze herum.

(thc/mma)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. Juli 2022 14:54
aktualisiert: 27. Juli 2022 14:56
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