Langzeitpflege

«Der Knall in der Pflegebranche war absehbar»

Linda Aeschlimann, 19. November 2020, 18:04 Uhr
Nachholbedarf besteht schon seit vor Corona in der Langzeitpflege.
© Keystone
Spitäler, Alters- und Pflegeheime in der Ostschweiz und Graubünden können teilweise auf ehemalige Pflegepersonen zurückgreifen und stellen diese aktuell vermehrt ein. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Besonders der Langzeitpflegebereich bekundet schon seit weit vor Corona einen Notstand. Dieser wird nun akut sichtbar.

Kräftezehrend, ermüdend und herausfordernd: Das ist die aktuelle Arbeit des Intensivpflegepersonals in den Spitälern. Ein Intensivpfleger erzählte anfangs Woche gegenüber FM1Today von seiner Arbeit auf der IPS im Kantonsspital St.Gallen.

Doch nicht nur in den Spitälern muss zusätzliches Personal eingestellt werden, um die aktuelle Krise bewältigen zu können. Auch in den Alters- und Pflegeheimen mangelt es an Personal. Denn die älteren Leute, besonders jene die isoliert werden müssen, brauchen eine intensivere Betreuung. Der Aufwand, die Risikogruppe zu schützen, erfordert Mehrarbeit und -energie.

Corona bringt Fass zum überlaufen

Doch der Fachpersonal-Mangel in der Langzeitpflege ist keine Corona-Erscheinung. Dieses Problem besteht schon seit Jahren. «Der Knall musste kommen. Corona hat ihn einfach getriggert und das Problem sichtbar gemacht – es war absehbar», sagt Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und -männer der Sektionen St.Gallen, Appenzell und Thurgau (SBK-SG). «Die Belastung in der Pflegebranche war schon vor der Krise hoch. Doch seit Corona ist sie noch höher.»

Beinahe täglich bekommt die Verbands-Sektions-Chefin Anrufe von frustriertem und ausgebranntem Pflegepersonal: «Die Mitarbeiter fühlen sich im Stich gelassen. Teilweise fehlt es an Schutzmaterial oder der Zugang dazu ist beschränkt.» In manchen Institutionen würden, laut Wohlfender, zum Beispiel Schutzmasken genau abgezählt. «Eine nasse Maske beispielsweise darf teilweise nicht durch eine trockene ersetzt werden.»

Mit Factsheets und Beratungen versucht der Berufsverband das angeschlagene Personal zu unterstützen und macht sie auf ihre Rechte aufmerksam.

Politik muss spätestens jetzt handeln

Doch mit der Aufklärung und Unterstützung des Personals alleine ist es für den SBK nicht getan. Der Verband ist auch auf politischer Ebene aktiv. Zum Beispiel im Kanton Thurgau. Dort stelle diese Woche die Sektionschefin Edith Wohlfender, die auch als Thurgauer SP-Kantonsrätin amtet, eine einfache Anfrage an die Regierung: «Wir fordern unter anderem fünf Prozent mehr Stellen im Langzeitpflegebereich und dass die Richtlinien angepasst werden.» Wohlfender hofft, dass die Regierung schnell Stellung dazu nimmt und aktiv wird.

Edith Wohlfender ist Thurgauer SP-Kantonsrätin und Geschäftsleiterin des SBK-Ost.
© Tagblatt/Reto Martin

Weiter wird die Regierung gefragt, ob sie bereit ist, den kantonalen Richtstellenplan wegen der Covid-19-Pandemie mit einer Spezialfinanzierung zu erhöhen. Ergänzend dazu fragt sie, ob der Richt- und der Basisstellenplan für Heime aus dem Jahr 2015 noch ausreiche.

Im Kanton St.Gallen beispielsweise hätte man die letzten Jahre verschlafen. Denn der SBK-SG hätte schon vor Jahren immer wieder das Gespräch mit dem ehemaligen Regierungsrat des Departements des Innern gesucht, sei aber auf taube Ohren gestossen. Nun rächt sich der sehr tiefe Mindeststellenschlüssel. Fallen Fachleute aus, müssen die eh schon knapp bemessenen Teams dies auffangen. «Die Pflegestandards können nicht mehr eingehalten werden, was sich auf die Pflegequalität erwiesenermassen auswirkt», so Wohlfender.

Ein wenig Licht am Ende des Tunnels

Doch alles nur schwarz malen möchte der Berufsverband nicht. Es gäbe auch Alters- und Pflegeheime sowie Institutionen in der Ostschweiz, die vorbildliche Arbeit leisten. Als Beispiel nennt Edith Wohlfender eines der grössten Alterszentren im Thurgau, das Alterszentrum in Kreuzlingen. Dieses habe dank vorbildlichen Rahmenbedingungen nun einen Wettbewerbsvorteil. «Dieses Haus hat beispielsweise eine eigene Personalkommission, zahlt anständige Löhne oder lässt auch neue Projekte zu. Dazu können sich dort die Pflegefachpersonen weiterentwickeln.»

Ein weiterer Lichtblick ist das Pflege-Wiedereinsteiger-Programm, welches seit zwei Jahren vom Bund und den Kantonen getragen und finanziert wird. Wiedereinsteigerinnen können beim Verband einen 14-tägigen Kurs besuchen, um ihr Wissen aufzufrischen, um «up to date» zu sein. Gut 20 Personen jährlich würden alleine in der Ostschweiz dieses Wiedereinsteiger-Programm besuchen. «Das erfreuliche ist, dass alle danach einen Job haben».

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. November 2020 06:47
aktualisiert: 19. November 2020 18:04