«Die Metzgerei war mein Kind»

Laurien Gschwend, 31. März 2017, 10:09 Uhr
Zehntausende Schweizer Unternehmer stehen vor der Pension. Für viele von ihnen ist es schwierig, eine Nachfolgelösung zu finden. Auch der Lichtensteiger Max Preisig muss seine Metzgerei Ende Juni nach 37 Jahren schliessen, weil niemand sein Geschäft übernehmen möchte.

«Es war ein schwieriger und emotionaler Entscheid», sagt Max Preisig. Vor 37 Jahren hat der Toggenburger in Lichtensteig die Metzgerei Preisig eröffnet, während der letzten Jahre wurde er von seinem Bruder Roland und dessen Ehefrau Karin unterstützt. «Wir haben die Metzgerei mit viel Freude und Elan geführt», sagt er. Klar, sei es ab und zu zu Diskussionen gekommen. «Aber das Miteinander war eindeutig das Schönste in meinem Geschäftsleben.»

Respekt vor der Übernahme

Max Preisig hat keine Familie. «Deshalb war die Metzgerei mein Kind», sagt er. Es sei schade, dass niemand sein Lebenswerk weiterführen wolle. «Es tut mir leid fürs Städtli.» Bereits vor fünf Jahren habe er damit begonnen, einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Einige wenige Personen seien an der Übernahme interessiert gewesen, daraus wurde letztendlich nichts. «Entweder fanden sie die Metzgerei zu klein, oder sie hatten zu grossen Respekt vor der Aufgabe.»

«Sie fragten sich, ob sie in einer Ortschaft wie Lichtensteig genügend Umsatz erzielen und die Kundschaft behalten können», nennt Preisig als mögliche Gründe. Darüber hinaus wären gemäss dem Metzer verschiedene Investitionen nötig, um das Unternehmen längerfristig aufrecht erhalten zu können. «Diese haben wir nicht vollzogen, weil wir Angst davor hatten, das Geld zu verlieren, wenn keiner die Metzgerei übernimmt.»

«Schwierig, gute Leute zu finden»

Metzger zu sein sei extrem schön und biete viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Max Preisig würde sich auch heute wieder für den Beruf entscheiden. «Es ist aber schwierig, in der Branche gute Leute zu finden», sagt Preisig. Eine Metzgerei zu führen, erfordere eine Menge Einsatz. «Heute wollen die Leute ihre acht Stunden arbeiten und danach ihre Freizeit geniessen.» Das Nachwuchsproblem kennt man gemäss Max Preisig im ganzen Toggenburg, in Wattwil gebe es beispielsweise keine einzige Metzgerei mehr.

Aus Kunden wurden Freunde

Denke er an die Kundschaft, gebe es null Grund, das Geschäft zu schliessen. «Was die Kunden angeht, könnte ich ewig bleiben. Es sind viele Freundschaften entstanden», sagt er gerührt. Aber er sehe die Lichtensteiger ja auch in Zukunft noch - nun habe er auch endlich mehr Zeit für einen Schwatz. «Wir möchten allen Kunden recht herzlich dafür danken, dass sie uns über all die Jahre die Treue gehalten haben.»

Auch wegen des treuen Teams sei der Entscheid, die Metzgerei dicht zu machen, hart gewesen. «Sladjana Floranovic arbeitet zum Beispiel schon seit 20 Jahren bei mir, sie war immer motiviert und hat ihre eigenen Ideen eingebracht.» Man versuche, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine neue Anstellung zu vermitteln.

«Noch ein wenig leben»

Ende Juni schliessen Max, Roland und Karin Preisig ihre Metzgerei. Danach führen sie wie bis anhin Aufträge von Bauern durch, welche ihre Tiere schlachten lassen möchten. «Mein Bruder und meine Schwägerin sind noch nicht im Pensionsalter, ich unterstütze sie weiterhin, wenn auch weniger intensiv.» Nun freue er sich darauf, «noch ein wenig zu leben» und seine Freizeit zu geniessen. «Das Geschäft stand immer im Vordergrund. Es gab selten eine 40-Stunden-Woche.» Er werde nun öfter zum Jagen in den Wald gehen oder eine Bike-Tour unternehmen.

Sind seine eigenen Vorräte aufgebraucht, muss er auf einen seiner wenigen Konkurrenten umsteigen. «Ich gehe auch ab dem Sommer in eine feine Metzgerei, das ist sicher.»

Wie der Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode D&B am Donnerstag mitteilt, stehen 74'744 Schweizer Unternehmungen in den nächsten fünf Jahren vor der Übergabe an eine neue Generation - beziehungsweise vor der Liquidation. Aufgrund von Nachfolgeproblemen gelinge es in 30 Prozent dieser Fälle (also bei über 22'000 Unternehmen) nicht, die Firma weiterzuführen.
Laurien Gschwend
veröffentlicht: 31. März 2017 07:04
aktualisiert: 31. März 2017 10:09