Die Störche in Mörschwil waren einmal

Nina Müller, 12. Mai 2019, 13:31 Uhr
38 Jahre lang erfreute das Mörschwiler Storchengehege beim Schloss Watt Spaziergänger. Der letzte Storch wurde vor Ostern von einem Fuchs gerissen, womit das Gehege verwaist ist. Die Betreuungspersonen überlegen nun, wie das Gehege weiterhin genutzt werden könnte.

Weite grüne Wiesen mit alten Obstbäumen zieren die Landschaft rund um das Schloss Watt. Es ist ruhig, nur ab und zu sieht man einen Spaziergänger oder eine Reiterin. Doch etwas fehlt in diesem idyllischen Bild: Die Störche. 38 Jahre lang wurden im Storchengehege beim Schloss Watt Weissstörche gezüchtet und gepflegt. Seit Ostern ist das Gehege leer. Der letzte Bewohner, ein flugunfähiger Storch, wurde von einem Fuchs gerissen, der ins Innere des Geheges gelangte.

Storch war in der Schweiz ausgestorben

Alles begann im Jahr 1955. Damals war der Storch in der Schweiz ausgestorben. «Der Lebensraum wurde durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten stark dezimiert. Wenn der Lebensraum fehlt, fehlt auch die Nahrungsquelle», sagt Albert Good vom St.Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei. Auch die Jagd auf Zugvögel im Ausland hatte einen Einfluss auf die schwindende Zahl des majestätischen Federviehs. Max Bloesch, ein Turnlehrer aus Solothurn, gründete daraufhin die Gesellschaft für die Wiederansiedlung des Weissstorchs. Er organisierte den Transport von hunderten Störchen aus Algerien in die Schweiz.

Störche aus Algerien in Mörschwil

Das erste Zuchtgehege entstand in Alträu (Solothurn), 23 weitere Aussenstationen folgten, verteilt in der ganzen Schweiz. So kamen die Störche nach Mörschwil. Markus Boschung (63), ehemaliger Typograf, hat 1981 die Betreuung der Störche übernommen. Er wohnt neben dem Schloss Watt, ist aber auf dem Gut aufgewachsen. «Der damalige Gemeindepräsident Franz Würth war interessiert an diesem Projekt und kontaktierte mein Vater Josef Boschung, der für das Land um das Schloss herum zuständig war», sagt Markus Boschung. Mit einem Dorffest wurde das Gehege eingeweiht und fortan erfreuten die Storchenpaare und ihre Jungen viele Spaziergänger.

Vor allem die Jungstörche erfreuten die Gemüter in Mörschwil. (Bild: zVg/Archiv)
Vor allem die Jungstörche erfreuten die Gemüter in Mörschwil. (Bild: zVg/Archiv)

Mörschwil ist zu hoch gelegen

Der Wiederansiedlungsversuch bedeutete viel Arbeit für Markus Boschung. «Mörschwil liegt 620 Meter über Meer, die Störche bevorzugen Gegenden unter 500 Meter über Meer, weil dort das Klima milder ist. Bei andauernden schlechten Wetterverhältnissen wurden die Jungvögel aus dem Horst genommen, um sie unter Wärmelampen zu füttern. Störche nehmen ihre Kinder nicht mehr an, wenn sie ein Woche weg waren. «War es länger kalt, konnten die Vögel nicht mehr in den Horst zurück gebracht werden und wir zogen sie von Hand auf», sagt Boschung. Wegen den topografischen Begebenheiten konnte gesamthaft ein Drittel der Brut, die in Mörschwil zur Welt kam, nicht gerettet werden.

Wiederansiedlungsversuch war trotzdem erfolgreich

Trotzdem war die Brut ein Erfolg. «Teils hatten wir bis zu zwölf Storchenpaare, die vier bis fünf Junge hatten. Das sind ungefähr hundert Störche, die insgesamt bei uns aufgewachsen sind», sagt Boschung. Hundert ist eine satte Zahl für zehn Jahre. 1990 beschloss die Gesellschaft für Wiederansiedlung des Weissstorchs, dass nun Schluss ist mit dem Zufüttern. Die Tiere in Gehegen zu halten sei ja nicht das Ziel gewesen, sondern sie wieder im natürlichen Raum anzusiedeln, so Boschung. Damals begannen er und weitere Personen mit der Renaturierung der Gegend. Hunderte von Büschen wurden gepflanzt, Wiesen wurden renaturiert und zwei Weiher angelegt. So konnte der hübsche Stelzvogel ohne menschliche Hilfe in der Wildnis überleben.

Markus Boschung pflegt schon seit 38 Jahren Störche und verletzte Greifvögel. (Bild: FM1Today/Nina Müller)
Markus Boschung pflegt schon seit 38 Jahren Störche und verletzte Greifvögel. (Bild: FM1Today/Nina Müller)

Storchenbestand ist stabil

Der Stopp der Zufütterung führte dazu, dass Boschungs Gehege immer verlassener wurde. Nur ein Storchenpaar nistete sich für einige Jahre ein, danach wurde das Gehege für Pflegevögel genutzt – bis eben vor Ostern. Das bedeutet aber nicht, dass das Projekt gescheitert ist – im Gegenteil: Die Storchenpopulation ist stabil. «Heute leben in der Schweiz über 400 Storchenpaare», sagt Albert Good vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei.

Wie das Gehege in Mörschwil nun sinnvoll genutzt werden kann, ist noch offen. «Störche müssen keine mehr angesiedelt werden, ich stehe aber weiterhin für pflegebedürftige Vögel zu Verfügung», sagt Boschung. Die in der Anlage vorhandenen Volieren werden weiterhin als Auffangstation und zur Pflege und Wiederauswilderung von Greifvögeln genutzt.

Hast du eine gute Idee für die Umnutzung des Geheges? Dann schreib es in die Kommentare.
Nina Müller
veröffentlicht: 12. Mai 2019 07:13
aktualisiert: 12. Mai 2019 13:31