Diebe plündern Gemeinschaftsgärtli

Stephanie Martina, 29. September 2017, 07:56 Uhr
Aus dem Gemeinschaftsgärtli wurden diesen Sommer Erdbeeren und Basilikum entwendet
Aus dem Gemeinschaftsgärtli wurden diesen Sommer Erdbeeren und Basilikum entwendet
© zVg
Seit diesem Frühling können die Herisauer Beeren und Kräuter in einem Gemeinschaftsgärtchen ernten. Kürzlich wurden jedoch ganze Pflanzen aus den Beeten geklaut. Die Betreiberinnen sind enttäuscht - geben aber nicht klein bei.

Als Sabrina Jaggi diesen Sommer eines Morgens ins neue Herisauer Gemeinschaftsgärtchen trat, traute sie ihren Augen kaum: Die liebevoll gepflanzten Erdbeer-Setzlinge und der Basilikum waren samt Wurzeln ausgegraben worden. Bis auf die Löcher im Hochbeet liessen die Diebe nichts zurück. «Es müssen egoistische Leute sein, die so etwas tun. Das ist kein Lausbubenstreich mehr. Hier geht es darum, sich an etwas zu bereichern, das einem nicht gehört», sagt die Institutionsleiterin des Gemeinschaftszentrums Selewie, das den Garten betreibt.

Neben dem Pflänzli-Diebstahl wurden auch die Solarlämpchen gestohlen. «Die Lämpchen konnten nur mit Werkzeug abmontiert werden. Da ist also jemand mit der Absicht gekommen, sich diese zu holen. Dabei kosten sie 4.50 Franken, die könnte sich jeder selber kaufen.» Für Jaggi ist dieses Verhalten schwer nachzuvollziehen: «Damit schadet man den Menschen, die sonst schon nicht viel haben. Jenen, die sich sich um den Garten kümmern und sich an ihm erfreuen.»

Anwohner wünschten sich Gärtchen

Die Idee des Gemeinschaftsgartens entstand durch die Leute, die im Gemeinschaftszentrum Selewie verkehren. Viele von ihnen wohnen an der Alpsteinstrasse, einer der am stärksten befahrenen Strassen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Die meisten Bewohner verfügen deshalb weder über einen Balkon, noch einen Garten. «Vor allem bei den an der Strasse lebenden Migrantinnen entstand der Wunsch nach einem Garten, weil sie früher in ihrer Heimat vieles selbst angepflanzt hatten. Aber auch Ältere, die einst ihren eigenen Garten besassen und heute in einer kleinen Wohnung leben, wünschten sich dieses Gärtchen», sagt Jaggi. Als das Gemeinschaftszentrum dieses Jahr einen Vorplatz erhielt, war endlich ein Ort zum Gärtnern gefunden.

Seit diesem Frühling sind die drei Hochbeete bepflanzt. Eines mit kleinen Kürbissen, eines mit Beeren und eines mit verschiedenen Kräutern. Finanziert wird das Gärtchen durch das Gemeinschaftszentrum Selewie, um die Pflanzen kümmern sich aber alle. «Das gemeinsame Pflegen des kleinen Gärtchens funktioniert gut - auch wenn das Gemeinschaftszentrum geschlossen ist. Während der Sommerferien hat eine über 80-jährige Frau, die jeweils an unsere Spielnachmittage kommt, täglich zwei mit Wasser gefüllte Petflaschen zum Garten getragen und die Pflanzen getränkt, weil ihr die Giesskanne zu schwer war», erzählt Jaggi. Es sei schön zu sehen, wie viele Leute, aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Altersklassen, den Garten gemeinsam pflegen würden.

Ein Merkmal der Gesellschaft?

Doch die Freude am Gärtchen wurde durch die Diebstähle in den vergangenen Monaten getrübt. Jaggi bedauert, dass dieses egoistische und rücksichtslose Verhalten heute zur Gesellschaft gehöre. «Die Mitmenschen sind einem heute nicht mehr so wichtig, jeder denkt zuerst an sich.» In Herisau höre sie Leute oft sagen, dass sie Dinge nicht draussen platzieren würden, weil es sowieso gestohlen würde. Doch die Leiterin des Herisauer Gemeinschaftszentrums ist überzeugt: Je mehr Dinge unangekettet draussen stehen, desto eher lernen die Leute auch wieder damit umzugehen. «Heute lautet die Devise ja beinahe, dass alles, was nicht angebunden ist, mitgenommen werden kann. Wir wollen zeigen, dass man Sachen draussen lassen kann, ohne, dass sie gleich gestohlen werden.»

Deshalb denke sie nicht daran, den Gemeinschaftsgarten, der sich direkt an der Hauptstrasse befindet, aufzugeben oder zu verschieben. «Uns wird immer wieder gesagt, dass es nicht verwunderlich ist, dass dort gestohlen wird. Das Gärtchen wirke geradezu einladend. Aber das soll es ja auch - nur nicht für Leute mit böswilligen Absichten.» Jaggi und ihre Mitbetreiberinnen des Gemeindezentrums haben sich deshalb fest vorgenommen, nicht klein beizugeben. «Wir werden das Gärtchen immer wieder neu bepflanzen», sagt Jaggi.

Stephanie Martina
Quelle: stm
veröffentlicht: 29. September 2017 07:56
aktualisiert: 29. September 2017 07:56