Seerettung Arbon

Ehrenamtliche Retter: «Dann geht es um Leben und Tod»

Christoph Thurnherr, 3. August 2020, 05:55 Uhr
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Quelle: FM1Today

Der schöne Sommer und Corona locken die Menschen an und auf den Bodensee. Das bedeutet Hochsaison für die Schweizer Seerettung. Wir durften sie auf ihrem Rettungsschiff begleiten und einen Einsatz festhalten.

Mit einem lauten Platschen verschwindet der Taucher im Romanshorner Hafenbecken. Das türkise Wasser spritzt auf das Deck der Sirius, dem altgedienten Einsatzschiff der Seerettung Arbon. Nach kurzer Zeit streckt Marc Meyer, der Taucher, seine Hand aus dem Wasser.

Er hat gefunden, wonach er gesucht hat und kann die verlorenen Gegenstände – einen Schlüssel und ein Handy – der glücklichen Besitzerin zurückgeben. Ein simpler Einsatz für Meyer, die Abkühlung dürfte ihm an diesem heissen Tag sogar entgegenkommen.

«Natürlich haben wir auch andere Einsätze. Meistens werden wir zu technischen Problemen gerufen, retten Menschen aus Seenot oder löschen einen Brand – dann geht es um Leben und Tod», sagt Meyer, immer noch im tropfenden Neoprenanzug.

Die Suche nach dem versunkenen Handy und Schlüsselbund im Romanshorn. 

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Der Einschätzung von Experten zum Trotz können die Seeretter bis jetzt noch keine Zunahme von Einsätzen feststellen: «Es sind zwar mehr Leute an und auf dem See, aber sie helfen sich auch gegenseitig.»

Alles ehrenamtlich

Auch wenn es herausforderndere Einsätze gibt, als verlorene Gegenstände im Hafen zu ertauchen, merkt man Meyer die Freude an. Dabei ist es vor allem die Freude über die Freude derer, denen er geholfen hat. «Das gibt einem schon sehr viel. Die Leute sind uns meist sehr dankbar, wenn wir ihnen helfen», sagt Marc Meyer, er ist der Leiter der Seerettung.

Hinzu kommt die Affinität zum Wasser und vielleicht noch die Freude an der Herausforderung. Es gibt keinen finanziellen Antrieb. Alle Angehörigen der Seerettung arbeiten ehrenamtlich und sind Tag und Nacht bereit, jemandem zu helfen.

Finanziert wird die Seerettung Arbon grössenteils durch ihre Gönner. Gönner werden, kann man ab einem jährlichen Beitrag von 50 Franken. Dafür retten einen die Angehörigen der Seerettung, Schleppen das Boot ab, bergen Material oder tauchen, wie dieses Mal, nach Wertsachen.

Die Seerettung Arbon ist neben jener von Rorschach die einzige auf der Schweizer Seite des Bodensees. Daneben gibt es nur noch die Wasserpolizei, mit der eine enge Zusammenarbeit besteht.

Die Mitgliederzahl schwankt

Marc Meyer ist mit seinen 39 Jahren bereits ein Urgestein. Seit 25 Jahren ist er Mitglied, wie zuvor sein Vater. Sein Kollege Paul Rüegg ist sogar seit 35 Jahren dabei. Er ist der Präsident der Schweizerischen See- und Lebensrettungsgesellschaft Sektion Arbon. Doch nicht alle Seeretter können auf so viel Erfahrung zurückblicken.

«Die Mitgliederzahl schwankt ein wenig. Mehr Leute gingen natürlich immer», sagt Rüegg. Grundsätzlich seien sie aber zufrieden. Derzeit hat die Seerettung 18 Mitglieder, es waren aber auch schon 22 – oder 12.

Die Eintrittsschwelle sei relativ tief. «Am besten sind natürlich Aspiranten, die bereits Motor- und Segelschiffe fahren können, eine technische Ausbildung und Medizin studiert haben», scherzt Rüegg, «aber wir nehmen grundsätzlich jeden, wenn es passt.»

Denn eine grosse Voraussetzung gibt es: Man muss Tag und Nacht bereit sein, jemanden auf dem See zu retten. Dazu kommen mehrere Pikettdienste übers Wochenende pro Saison.

Sirius, das Kraftpaket

Denn wenn es um Leben und Tod geht, muss es schnell gehen. «Am Wochenende sind wir in sieben oder acht Minuten auf dem Wasser», sagt Meyer. Dort können sie sich auf ihren wichtigsten Kollegen verlassen: Sirius. Zwölf Tonnen Stahl, 540 PS.

Das orangefarbene Rettungsschiff der Seerettung Arbon gehört wie Rüegg und Meyer zu den Veteranen. Seit 30 Jahren ist Sirius im Einsatz, Mitte August wird ein Fest stattfinden. Trotz seiner vielen Dienstjahre ist Sirius aber noch weit weg vom Ruhestand.

Gibt doch schlimmere Büros. 

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Das Schiff ist mit moderner Technik ausgestattet – darunter Echolot, Wärmebildkameras und GPS. Ein Schlauch zum löschen brennender Schiffe ist genauso an Bord wie eine Hochleistungspumpe. «Technisch wurde das Schiff immer wieder nachgerüstet. Und die Stahlhülle nutzt sich im Süsswasser kaum ab», sagt Meyer.

Wenn Kollege Rüegg den Gashebel nach unten drückt, lässt Sirius die Muskeln spielen. Wie ein oranger Pfeil schiesst er durch den See und zieht eine gewaltige Heckwelle hinter sich her. Die beiden Männer haben ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Ich auch. Vielleicht haben sie einen Punkt ausgelassen, warum sie seit Jahrzehnten bei der Seerettung sind.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 3. August 2020 05:55
aktualisiert: 3. August 2020 05:55