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Ein Held des Alltags mit grossem Herz

Claudia Amann, 20. Januar 2017, 09:31 Uhr
Das Voting läuft: Am Freitag, dem 27. Januar, wird entschieden, ob Yannick Cavallin vom SRF zum «Helden des Alltags 2016» gekürt wird. Doch Nomination hin oder her: Der 44-Jährige aus Kreuzlingen erhält die grösste Auszeichnung dadurch, dass er von seiner Mannschaft geschätzt wird. Diese besteht aus Fussballspielern mit Handicap.

Die FCK Bodensee Kickers sind die einzige PluSport-zertifizierte* Fussballmannschaft mit Handicap im Kanton Thurgau. In Kooperation mit dem FC Kreuzlingen trainieren die Jugendlichen und Erwachsenen mit körperlicher und geistiger Behinderung und sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern.

Yannick Cavallin ist als Betreuer der Truppe tätig. Er ist vor dreieinhalb Jahren auf die Mannschaft aufmerksam geworden, als er auf der Suche nach einem geeigneten Sportverein für seinen Sohn war. «Ich habe mich seit Jahren mit dem Thema Handicap befasst, vor allem mit dem Bereich Autismus», erzählt er. «Mich hat dieser Bereich immer fasziniert, weil ich wissen wollte, wie eingeschränkte Personen ticken. Wieso man sie anders ansieht, obwohl sie nicht anders sind.» Sein Sohn hat Motorik- und Koordinationsschwierigkeiten. «Wir haben für ihn eine Sportart gesucht, die zu ihm passt. Der Druck von anderen Mannschaften hat ihm nicht entsprochen.»

Allen eine Chance geben

Bei den FCK Bodensee Kickers angekommen, habe es aber von Beginn an gepasst. «Wir sind dorthin und waren von Anfang an begeistert von der Truppe, ihrer Kollegialität und ihrem Zusammenhalt», sagt der 44-Jährige. «Es war, als ob wir in eine Familie hinein gekommen wären.» Seinem Sohn habe es auf Anhieb gefallen. «Papi, das ist es!», habe er gesagt. Dass die Eltern oder Betreuer der Spieler auch am Training teilnehmen können, mache die Sache noch besser. «Das gibt einen guten Mix - jeder profitiert von jedem.»

Fussball mit Handicap gibt es als Kategorie schon seit über 20 Jahren. «Früher gab es einzelne Gruppierungen aus den einzelnen Institutionen heraus. So richtig aufgekommen ist es aber erst in den letzten Jahren», erzählt Cavallin. Seine ehrenamtliche Tätigkeit als Teamleader verrichtet der Familienvater mit vollem Einsatz - und das, obwohl er einen Vollzeitjob als Konstrukteur hat. «Meine Aufgabe ist es, das Handicap-Team weiterzuführen und zu integrieren», sagt er. Für ihn ist das aber keine Heldentat, sondern etwas ganz Selbstverständliches. Leuten eine Chance zu geben, die es sonst nicht so einfach haben.

Verschiedene Defizite im Team

Die FCK Bodensee Kickers gibt es bereits seit 2009. Doch lange waren nur drei oder vier Spieler sowie drei Betreuer dabei. Mittlerweile besteht das Team aus 17 Spielern und vier Betreuern im Alter zwischen zehn und 65 Jahren. Spass und eine gute Integration sind auch offiziell das oberste Gebot. Die Spieler kommen aus verschiedenen Orten in der Ostschweiz und auch von unterschiedlichen Institutionen.

«Wir haben viele verschiedene Formen von Beeinträchtigungen in der Mannschaft», informiert Yannick Cavallin. «Es gibt welche mit Autismus, mit Down-Syndrom, mit CP (Zerebralparese), sogar zwei Männer mit ausgeprägter Sehbehinderung spielen mit.» Dann gebe es noch welche, die Entwicklungsverzögerungen oder geistige Behinderungen haben. «Das ist ein guter Mix und passt auch», sagt der Nominierte. «Doch es ist auch eine grosse Herausforderung für mich, alles und alle in ein Boot zu bringen.»

Fussball jedenfalls sei in dem Zusammenhang eine willkommene Sportart, weil sie verbinde. «Es ist eine Passion und man kann dabei richtig aufblühen. Wir haben Spass daran, egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Und wir haben keinen Leistungsdruck. Spieler, die eine Unterstützung benötigen, bekommen diese auch.»

Erfolgreiche Kooperation

Cavallin war in jungen Jahren Pfadileiter in der Abteilung St.Georg in Gossau und konnte auch einmal in einem Lager der «Pfadi trotz allem» dabei sein, wo er sich um eine Gruppe junger Autisten kümmerte.

Dass man Personen mit Beeinträchtigung keine richtige Chance gebe und sie an den gesellschaftlichen Rand hinaus drücke, stört ihn. «Das sind faszinierende Menschen. Sie haben vielleicht ein Handicap, das etwas ausgeprägter ist, aber jeder ‹normale› Mensch hat auch irgendwo gewisse Einschränkungen. Jemanden in ein Eck zu stellen, nur, weil er anders aussieht oder irgendwo ein Defizit hat - diese Ungerechtigkeit habe ich immer bedauert.»

Die FCK Bodensee Kickers sind dem Dachverband PluSport angegliedert und kooperieren mit dem FC Kreuzlingen. «Die Kooperation mit dem FC Kreuzlingen ist für uns wie ein Geschenk des Himmels», sagt Cavallin. «Wir sind ein Verein, der in einem anderen Verein integriert ist, aber völlig selbständig. Die Zusammenarbeit gestaltet sich so, dass hin und wieder Spieler und/oder Trainer vom FC Kreuzlingen mit uns trainieren oder umgekehrt. Auch unser Goalie kann von einem Fördertraining beim FC profitieren.»

Bestätigung bei jedem Training

Die Spieler der FCK Bodensee Kickers profitieren aber allein schon dadurch, dass sie der Mannschaft zugehören. «Bei anderen Mannschaften hat man einigen gesagt, dass der Betreuungsaufwand zu gross sei.» Bei den FCK Bodensee Kickers aber werde jeder ernst genommen. «Niemand soll sich wertlos fühlen. Alle werden gleich behandelt» betont der Thurgauer.

Die Kickers bestehen jedenfalls aus starken Menschen. «Durch die Bewegung und das Fussballspielen wird das Selbstbewusstsein weiter gefördert», sagt Cavallin. «Wir lassen nicht den Kopf hängen, wenn wir verlieren.» Derzeit befinde man sich «auf einem extrem hohen Level». «Wir haben auch schon gegen sehr starke Mannschaften Turniere gewonnen.» Insgesamt spielt das Team sechs bis neun Turniere im Jahr gegen andere Mannschaften mit Handicap. Und die Zuschauer sind völlig begeistert, wenn sie sie spielen sehen.

Sponsoren dringend gesucht

Was den FCK Bodensee Kickers noch fehlt, ist eine Juniorenmannschaft. Die weitere Inklusion beim FC Kreuzlingen sei gefragt. «In dieser Hinsicht etwas aufzubauen, ist eine grosse Herausforderung für uns», sagt Cavallin.

Was er auch unbedingt berücksichtigen möchte, sind die Träume seiner Spieler. «Unsere Kickers möchten gerne an einem internationalen Turnier teilnehmen. Zum Beispiel in Deutschland oder Spanien.» In Spanien gebe es eine Liga für Fussballer mit Handicap. «Es wäre für uns ein Traum, einmal dorthin gehen zu können. Damit die Kickers einmal hinaus kommen und etwas anderes erleben können.» Aber dafür Sponsoren zu finden, sei nicht einfach. Cavallins öffentlichkeitswirksame Nominierung zum «Helden des Alltags 2016» könnte diesbezüglich eine Änderung bringen.

«Menschen mit Handicap sind gar nicht anders»

Doch der 44-Jährige stellt gerne sein Licht unter den Scheffel. Auch wenn er die Nominierung des SRF als enorme Wertschätzung für seine Arbeit sieht. «Ich möchte nicht, dass dadurch auf mich geschaut wird», sagt er. «Es soll um den Behindertensport gehen. Da gibt es so viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, und die haben es alle verdient, gesehen zu werden. Das sind Leute, die das Herz an der richtigen Stelle haben.» Wenn es nach Yannick Cavallin geht, sollte das ganze Team der FCK Bodensee Kickers im Mittelpunkt stehen.

«Ich wünsche mir, dass die Menschen in die Welt hinaus gehen und auch mal nach links und rechts schauen», sagt der Thurgauer. «Sie sollen sich Zeit nehmen, jemanden anzuhören. Und eine Person nicht schon mit dem ersten Blick abwerten. Es wird Zeit, zu realisieren, dass Menschen mit Handicap gar nicht so anders sind als man selbst.»

So hat das SRF Yannick Cavallin porträtiert:

Hier könnt ihr Yannick Cavallin zum «Helden des Alltags 2016» küren. Die Facebook-Seite der Bodensee Kickers findet ihr hier.

* PluSport Behindertensport Schweiz ist die Dachorganisation der Sportclubs für Sportlerinnen und Sportler mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten.

Claudia Amann
veröffentlicht: 20. Januar 2017 05:49
aktualisiert: 20. Januar 2017 09:31