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Diabetes Typ 1

Ein Leben mit Spritzen und Nadeln

Svenja Rimle, 23. Juli 2021, 10:45 Uhr
Diagnose Diabetes Typ 1 – auch bekannt als Zuckerkrankheit. Es ist ein Schicksal, mit dem hierzulande rund 40'000 Menschen leben – unter ihnen vier junge Ostschweizerinnen und Ostschweizer, die ihren Alltag auf unterschiedliche Art und Weise bewältigen.
40 000 Meneschen in der Schweiz leben mit der Diagnose Diabetes Typ 1.
© FM1Today

Denkt Livia Hofmann an ihre Jugend mit Diabetes zurück, wird sie wütend. Doch nicht etwa die Krankheit selbst war Schuld an der schwierigen Zeit, es waren die Ärztinnen und Ärzte, die ihr einen entspannten Umgang mit der Diagnose verunmöglichten: «Wichtig waren die Blutwerte und was man gespritzt hat. Dass für mich als Jugendliche die Schule oder Freunde auch wichtig waren und mich vielleicht sogar abgelenkt haben, dafür hatte niemand Verständnis.» Bei keinem der vielen Ärzte, die Livia besucht, fühlt sie sich wohl. Nach den Kontrollterminen, die alle drei Monate stattfinden, ist ihr jedes Mal zum Weinen zumute.

Ein Wunsch, der alles verändert

Dann kommt der Tief- und gleichzeitig auch Wendepunkt in Livias Krankheitsgeschichte. Ihre damalige Ärztin kann ihr, aufgrund der hohen Blutwerte, nicht erlauben, die Autoprüfung zu machen. Livia ist fassungslos. Ein Ereignis, auf das sich die heute 21-Jährige so lange gefreut hat, scheint vorläufig unerreichbar: «Ich habe mich machtlos gefühlt. Weil diese Ärztin einfach die Macht hatte, mir das zu verbieten», sagt sie. Und in diesem Moment verändert sich ihre Einstellung zum Diabetes. Bald hat sie ihre Werte unter Kontrolle, besteht die Autoprüfung und wechselt den Arzt ein letztes Mal. Seither ist sie beim Diabetologen Christopher Strey in Behandlung. Dieser findet, es sei kontraproduktiv, wenn Ärzte mit ihren Patienten schimpfen.

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Quelle: tvo

Besonders schwer hat es Olivia Hanselmann. Als wäre Diabetes Typ 1 nicht genug, leidet sie zusätzlich seit Jahren unter Depressionen. Diese kommen nicht nur aber auch durch ihre Krankheit. «In der Schule habe ich mich ausgeschlossen gefühlt, als ob ich kein Selbstvertrauen hätte und nichts kann. Das ist bis heute so», erzählt sie. Die 26-Jährige ist mit ihren beiden Diagnosen nicht allein. Diabetes und Depressionen sei ein riesiges Thema, bestätigt Christopher Strey: «Das wird leider notorisch ignoriert, weil es eine weitere Komplexität schafft.» Wenn man schon am Morgen Probleme beim Aufstehen habe, sei es kaum möglich, sich ausreichend um den Diabetes zu kümmern.

Emotionen beeinflussen Blutwerte

Mehrmals pro Woche hat Olivia ein Tief: «Man ist flach, liegt im Bett und mag einfach gar nichts machen. Man liegt einfach, schaut vielleicht mal einen Film und macht ansonsten nicht viel.» Nicht verwunderlich also, mag sich Olivia während solchen Tiefs nicht um ihre Krankheit kümmern. Für Diabetikerinnen und Diabetiker kann dies aber fatal sein; Nierenschäden, Sehstörungen oder Gefässerkrankungen sind mögliche Spätfolgen. An schlechten Tagen versucht Olivia, sich mit ihren Katzen abzulenken oder spielt Gitarre. Und so gelingt es ihr, den negativen Gedanken zu entfliehen – manchmal zumindest.

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Quelle: tvo

«Du hast doch einfach zu viel Zucker gegessen» und «Du musst alle Süssigkeiten meiden» sind Vorurteile, die Tim Custer immer wieder zu hören bekommt. Dabei isst er, was er will und dass er an Diabetes Typ 1 erkrankt ist, ist Zufall. Für Tim ist die Diagnose weder Fluch noch Segen, er lebt einfach damit – seit der zweiten Oberstufe. Selbständigkeit steht für ihn an oberster Stelle. «Nach einem Tag habe ich gesagt, dass ich mir die Spritzen selbst machen will. Ich wollte nicht abhängig sein und auch meinen Eltern nicht zur Last fallen», erzählt er heute. In seinem Alltag unterstützt ihn modernste Technologie. Sein Sensor und die Insulinpumpe gehören zu den zahlreichen Hilfs-Gadgets, die mittlerweile auf dem Markt sind.

Dass Tim seine Krankheit so gut im Griff hat, freut seine Mutter Andrea. Der Schock kurz nach der Diagnose sass tief, mittlerweile macht sie sich aber keine Sorgen mehr – ausser in bestimmten Situationen. «Wenn sie in das Alter kommen, in dem sie Alkohol trinken und dann in den Unterzucker kommen, fragt man natürlich schon, ob seine Kollegen instruiert sind, dass es vielleicht nicht zu viel Alkohol, sondern eine Unterzuckerung sein könnte», sagt sie. Das weiss Tim und geht deshalb vorsichtig und verantwortungsbewusst mit seinem Körper um – und dieser wird es ihm danken.

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Quelle: tvo

Nachdem sie aus dem Koma erwacht, hört Tamara Nikolic die Stimme ihres Arztes. Er sagt: «Wären Sie zwei Minuten später gekommen, hätten Sie das nicht überlebt.» Sie erinnert sich genau. Es ist der Moment, in dem sie realisiert, dass es so nicht weitergehen kann. In der Jugend kümmert sie sich nämlich kaum um ihre Krankheit. Es gibt Wichtigeres, zum Beispiel die Zeit mit ihren Freunden zu geniessen. Nach dem Koma merkt die 21-Jährige, dass beides möglich sein muss: «Das hat mich aufgerüttelt und ich habe mir gesagt, dass ich wirklich besser auf mich achten sollte. Es ist schliesslich nicht etwas, was ich nebenbei mache, es geht um mein Leben.»

Liebe und Diabetes

Seit drei Jahren ist Tamara mit Slavisa aus Bosnien zusammen. Die beiden haben eine Fernbeziehung. Trotzdem unterstützt er sie beim Umgang mit dem Diabetes – so gut, wie es eben geht. «Eine Freundin mit Diabetes zu haben, ist für mich normal. Ich sehe dabei keinen Nachteil, es ist nichts, was unsere Beziehung behindert», erklärt er. Dass ihr Freund die Krankheit so locker nimmt, erleichtert sie. Wenn sie mal eine Unterzuckerung habe, helfe er ihr und bringe ihr etwas zu trinken, erzählt sie stolz. Und so meistert sie, genau wie die anderen drei, ihren Diabetes-Alltag und findet einen Weg, damit klarzukommen. Denn es ist, wie Diabetologe Christopher Strey sagt: «Diabetes muss keine Krankheit sein. Es ist ein Zustand, den man gut managen kann und sollte, um Krankheit zu verhindern.»

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Quelle: tvo

Quelle: TVO
veröffentlicht: 26. Juli 2021 05:39
aktualisiert: 23. Juli 2021 10:45