Eine Schule ohne Lehrer und Lehrplan

Claudia Amann, 24. Januar 2017, 22:13 Uhr
Der Verein «läbe lärne lache» will, dass die Kinder selber entscheiden, was sie lernen möchten.
Der Verein «läbe lärne lache» will, dass die Kinder selber entscheiden, was sie lernen möchten.
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Der Plan steht, der Ort muss noch gefunden werden: In der Region St.Gallen soll bald eine neue Schule entstehen. Darin haben strikte Lehrpläne, Schulklassen und autoritäre Lehrer nichts verloren. Dafür stehen die Freiheit und die Begabungen eines jeden einzelnen Schülers im Mittelpunkt.

Wenn es nach den Initiatoren geht, wird die Ostschweiz ab dem kommenden Sommer um eine neue Schule bereichert. Der Verein «läbe lärne lache» für freies demokratisches Lernen plant eine völlig offene Art von Lerninstitution. Dabei dreht sich ihre Schule nicht um das reguläre Lernen an sich, sondern um die individuelle Weiterentwicklung und -bildung.

«Wir sind keine Konkurrenz zu öffentlichen Schulen, sondern möchten das Sortiment an Schulmöglichkeiten vergrössern», sagt Monique Sommer. Sie ist gemeinsam mit sechs anderen Vereinsmitgliedern drauf und dran, das geläufige Schulsystem in der Ostschweiz mit einem neuen Ansatz auf den Kopf zu stellen. Die neue Schule soll von einem Rahmen getragen sein, in welchem sich Kinder frei entfalten und entwickeln können. Stundenpläne entfallen dabei genauso wie Hausaufgaben, Noten und Tests.

Alternativer Schulplan

Anders als beispielsweise in einer Waldorfschule will die neue Schule mit dem Grundsatz eines freien Konzeptes punkten. Oder anders gesagt: Die Schüler gestalten ihre eigenen Konzepte. «Wir möchten eine Schule sein, die für alle Kinder offen ist», betont Monique Sommer. Wenn es nach dem Verein geht, sollten interessierte Eltern durch Stiftungen unterstützt werden. Formell jedenfalls müsse eine Privatschule geschaffen werden. «Wünschenswert wäre auch, dass ein Fonds eingerichtet wird, durch den solche Schüler und deren Eltern unterstützt werden, die sich mit dem Aufbringen der Schulgebühren schwer tun», sagt Monique Sommer. Eine Stiftung sei bereits im Boot, doch diese wolle nicht alleine dastehen - deshalb müssten noch andere Stiftungen mitziehen.

Noch ist unklar, wo die Schule eingerichtet werden soll. Dem Kanton Ausserrhoden liegt der Antrag des Vereins «läbe lärne lache» vor. Wann jedoch über den Plan entschieden wird, steht noch in den Sternen. Für die Verantwortlichen unerlässlich ist, dass die Schule gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann.

Frei im Lernfortschritt

Das neuartige Bildungszentrum soll eine Gesamtschule für alle Pflichtschulstufen sein. Wobei in diesem Begriff schon der Hund begraben liegt. Denn Schulstufen wird es darin genauso wenig geben wie klassische Lehrpersonen - alle Schüler sollen gemeinsam mit allen Mitarbeitern jenen Tätigkeiten nachgehen, die ihnen belieben. Und das kann jede Stunde und jeden Tag etwas Anderes sein. «Wenn es Schnee hat, dürfen die Kinder gerne schlitteln gehen. Aber sie können auch den ganzen Tag in einem Buch, das sie spannend finden, lesen», sagt Monique Sommer. «Sich mit einem Physikexperiment zu beschäftigen ist ebenfalls möglich, genau so wie Basteln oder Werken.»

Ein Schüler erklärt die Schulmethode

Umfeld mit im Boot

Die Idee sieht vor, dass Kinder verschiedenen Alters sich gegenseitig unterstützen und inspirieren. «Es soll eine Gemeinschaft sein, in der jeder mit jedem zusammen sein kann. Immer auf Augenhöhe, immer ermutigend.» Von den Lehrkräften, die in diesem Fall eher als Coaches bezeichnet werden können, solle den Schülern nachhaltig Respekt und Selbstvertrauen vermittelt werden. Idealerweise sollten die Experten, die den Schülern ihre Interessensgebiete näher bringen, aber nicht nur aus den angestellten Bezugspersonen, sondern auch aus Experten aus der Umgebung bestehen. Mütter, Väter, Onkel und Tanten, Grosis und Opas - sie alle können ihre jeweiligen Talente im Falle des Falles einbringen.

Gegen die Ellbogengesellschaft

Als ausgebildete, erfahrene Primarschullehrerin ist Monique Sommer davon überzeugt, dass jedes Kind seinen eigenen, inneren Lehrplan besitzt. «Wenn ein Kind den klassischen Unterricht haben möchte, dann wird es auch Frontalunterricht erhalten. Wenn es sich lieber praktisch weiterentwickeln möchte, kann es aber genau das tun.» Die natürliche Neugierde eines jeden Kindes müsse in jedem Fall gestärkt werden. «Unterricht muss man grundsätzlich nicht planen. Die Mitarbeiter können spontan auf Anfragen reagieren und wissen, wie sie zu unterrichten haben.»

Könne ein Kind mit acht Jahren beispielsweise noch nicht lesen, werde es das mit Sicherheit nachholen. Jedem Kind seinen Rhythmus lassen, das sei der Clou zum Lernerfolg. «Jeder Mensch ist in irgendeinem Bereich hochbegabt. In herkömmlichen Schulen können Kinder meist nicht oder zu wenig ihren Talenten nachgehen. Wir möchten aber genau das forcieren und den individuellen Talenten eines jeden Einzelnen gerecht werden.» Nur so würden Fähigkeiten gestärkt werden können. «Das Potenzial, das jeder in sich trägt, muss sich entfalten können. Das ist jene Ressource, die wir unbedingt ausschöpfen müssen.»

Modell seit Jahrzehnten bewährt

Als Vorbilder dienen dem Verein «läbe lärne lache» die sogenannten «Schools of Trust». Diese sind vor 60 Jahren von zwei Universitätsprofessoren in den USA entstanden und bestehen nach wie vor. Auch in Basel gibt es eine Schule, die nach dieser Bewegung tätig ist. Die Erfahrungen seien gut: Aus Schülern, die dort ihren Weg gemacht haben, seien starke Persönlichkeiten mit grossem Selbstbewusstsein geworden.

Auch aufgrund dieser Erfolgsergebnisse will Monique Sommer skeptischen Eltern ihre Ängste nehmen. «Wenn ein Kind von unserer Schule aus auf die Kanti wechseln will, dann wird es das auch können. Bei uns wird allen Anforderungen nachgegangen und es werden alle Kompetenzen angeeignet, die jemand möchte.» Sie und ihre Kollegen sind davon überzeugt, dass Schüler, die etwas lernen wollen, dies auch schaffen werden. Allerdings am allerbesten dann, wenn der Wunsch danach wirklich besteht. «Wir müssen zufriedene Menschen aus der Schule heraus bringen können», sagt die Lehrerin. «Doch hat jedes Kind seine eigenen Entwicklungsstufen und sollte nicht nach dem Durchschnitt gemassregelt werden.»

Für interessierte Eltern hat der Verein «läbe lärne lache» das 40 Seiten starke Schulkonzept auf seiner Webseite veröffentlicht. Der nächste Infoabend findet am Mittwoch, dem 25. Januar, in Trogen statt.

Claudia Amann
veröffentlicht: 24. Januar 2017 06:25
aktualisiert: 24. Januar 2017 22:13