«Er kam rein und benahm sich wie ein Sheriff»

Raphael Rohner, 13. März 2017, 20:14 Uhr
Eine Unternehmerin will in Bernhardzell ein Restaurant mit einem Erotik-Studio eröffnen, doch die Gemeinde macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Der Gemeindeschreiber soll die Mitarbeitenden gleich selbst kontrolliert haben. Nun zeigt die künftige Betreiberin den Gemeindeschreiber wegen Amtsmissbrauchs an.

«So etwas ist eine bodenlose Frechheit», regt sich die 53-jährige Liza Schiess auf. Sie wollte in Bernhardzell in der Gemeinde Waldkirch ein Restaurant mit Erotik-Studio eröffnen. Dazu musste sie die Räume des alten Restaurants Engel erstmal wieder auf Vordermann bringen: «Einige meiner Freunde halfen mir, die alte Teppiche rauszureissen, die Wände zu streichen und die verrostete Badewanne durch eine Dusche zu ersetzen.» Als ihre Freunde dabei waren, die staubigen Reste der Dorfbeiz zu entsorgen, sei plötzlich der Gemeindeschreiber von Waldkirch, Michael Frei, hereingeplatzt: «Er kam hineingestürmt, machte Fotos und verlangte unsere Ausweispapiere, wie ein Sheriff», sagt die 59-jährige Tabea*, die ihrer Kollegin Liza Schiess seit Jahren gratis aushilft. «Er hat uns nur seine Visitenkarte gezeigt und ging wie ein Polizist von Raum zu Raum», erzählt Tabea weiter. Im Obergeschoss hatte eine 23-jährige Kollegin von Schiess ein Zimmer bezogen, um später im Service des Restaurants zu arbeiten. «Dieser Herr Frei ist einfach in ihr Zimmer gedrungen und hat auch den Ausweis von Kristina* kontrollieren wollen», sagt Tabea. Frei habe alles mit seinem Smartphone fotografiert, auch die Pässe und Ausweise der Frauen.

«Ich muss doch für die gemalten Wände kein Baugesuch stellen!»

Schiess, die zum Zeitpunkt der Kontrolle durch Michael Frei nicht anwesend war, ist ausser sich vor Wut: «Was fällt dem ein? Das darf der doch nicht einfach so.» Schiess verlangte eine Stellungnahme der Gemeinde. Die bekam sie per eingeschriebener Post: «Sofortiger Baustopp für die Umnutzung des Obergeschosses.» Schiess fiel aus allen Wolken. Sie verstehe nicht, warum sie für das Malen der maroden Wände und das Erneuern des Badezimmers eine Baubewilligung gebraucht hätte: «Für sowas braucht doch niemand eine Bewilligung?» Sie fühlte sich wie im falschen Film: «So etwas habe ich in all den Jahren als Gastro-Unternehmerin noch nicht erlebt, das ist eine Frechheit.» Schiess reichte Rekurs bei der Gemeinde und eine Aufsichtsbeschwerde beim Baudepartement ein. Mittlerweile ist sie der festen Überzeugung, dass Frei sie schikaniert und zeigt ihn wegen Amtsmissbrauchs und Hausfriedensbruchs an.

Gesuch nötig für die Nutzung einer Wohnung als Erotikstudio

Bei der Gemeinde sieht die ganze Geschichte anders aus. Der Gemeindepräsident von Waldkirch, Aurelio Zaccari, relativiert die Anschuldigungen gegen seinen Gemeindeschreiber und Bausekretär: «Frau Schiess hätte für die Umnutzung des oberen Stocks ein Baugesuch einreichen müssen, was sie aber nicht getan hat. Als dann die Handwerker vorgefahren sind, haben wir die Sachlage vor Ort kontrolliert und uns ein Bild der Lage gemacht.» Es sei üblich, die Ausweise der Leute zu fotografieren, damit man wisse, mit wem man es zu tun habe.

Zaccari sei selber bei der Kontrolle dabei gewesen und versteht den Wirbel nicht, den Frau Schiess veranstaltet: «Wir klopften an, wurden eingelassen und dann durch die Räume geführt von einer Mitarbeiterin von Frau Schiess.» Die nötigen Eingaben für die Eröffnung des Restaurants und des Erotik-Studios mitten in Bernhardzell habe Frau Schiess nicht eingereicht, heisst es seitens der Gemeinde. Auch hat Schiess noch kein Gesuch für einen Gastrobetrieb eingereicht. Die Gemeinde will nun die Unterlagen von Liza Schiess prüfen, um ihr dann eine allfällige Bewilligung für ihr Restaurant zu geben.

Der Anzeige gegen Michael Frei schaut die Gemeinde gelassen entgegen. Man sei sich keiner Schuld bewusst.

*Namen auf Wunsch der Betroffenen geändert

Mehr zum Thema im TVO-Beitrag:

Werbung

Raphael Rohner
Quelle: rar
veröffentlicht: 13. März 2017 17:49
aktualisiert: 13. März 2017 20:14