Flawiler Busengrapscher verurteilt

Laurien Gschwend, 20. September 2017, 11:21 Uhr
Ein 58-jähriger Mazedonier hat einer geistig behinderten Frau das T-Shirt hochgezogen und ihre Brüste berührt und geküsst – ohne, dass sie das wollte. (Symbolbild)
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Ein 58-jähriger Schlosser aus Flawil ist wegen sexueller Belästigung verurteilt worden. Er muss 2000 Franken Bussgeld bezahlen, weil er einer geistig behinderten Frau an die Brüste gefasst und an diesen gesaugt hat.

«Das Urteil ist unfair», sagte Familienvater M. K.* am Dienstagmittag nach der Verhandlung im Kreisgericht Wil. Der Entscheid sei lediglich aufgrund von Aussagen gefällt worden - und nicht, weil eindeutige Beweise vorhanden seien. Neben einer Busse in der Höhe von 2000 Franken muss der Mazedonier die Verfahrens- und Anwaltskosten übernehmen (insgesamt rund 7500 Franken).

«Wie ein Kind am Schoppen»

Zur sexuellen Belästigung kam es im September 2015 am Arbeitsort des 58-jährigen Schlossers in Oberuzwil. Eine Thurgauerin, die an einem neurologischen Geburtsgebrechen (schwerer Intelligenzdefekt) leidet, hatte zu der Zeit einen Einsatz in derselben Firma. Nachdem die 48-Jährige an einem Vormittag die Toilette aufgesucht hatte, wurde sie vom 58-Jährigen abgepasst. Dieser zog ihr das T-Shirt und den BH hoch, fasste ihr an die nackten Brüste und küsste ihre Brustwarzen. «So, wie ein Kind an einem Schoppen saugt», schilderte das Opfer während der Gerichtsverhandlung. Als der Mazedonier eine Tür aufgehen hörte, beendete er seine Handlung.

Die Thurgauerin ging zurück an ihren Arbeitsplatz und kontaktierte den Chef ihrer geschützten Werkstatt, in der sie angestellt ist. Sie erzählte ihm, was passiert war, und wurde fortan nicht mehr für Arbeitseinsätze nach Oberuzwil geschickt. Rund drei Monate, nachdem sie sexuell angegangen worden war, ging sie zur Polizei und zeigte den 58-Jährigen an. Der Verteidiger des Schlossers kritisierte am Dienstag, dass das Umfeld der geistig behinderten Frau - sofern es denn zur sexuellen Belästigung gekommen war - nicht gehandelt und DNA-Spuren gesichert hatte.

Noch heute unruhig

«Ich war, als das passiert ist, wie blockiert», berichtete die Geschädigte. Für sie sei die Situation so schlimm gewesen, dass sie noch heute, zwei Jahre nach der Tat, unruhig sei. M. K. sei ein Kollege gewesen wie jeder andere auch. Manchmal habe er sie mit dem Auto mitgenommen. «Für mich war es das erste Mal, dass ich so berührt wurde, und es war mir unangenehm.»

M. K. ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Vor Gericht bestritt er, seine geistig behinderte Mitarbeiterin unsittlich berührt zu haben. «Das war zu 100 Prozent nicht so. Wenn ich das gemacht hätte, dann bei einer hübscheren Frau.» Es könne sein, dass seine Kollegin oder er ausgerutscht seien und die 48-Jährige die Situation falsch interpretiert habe.

«Nicht besonders detailreich und originell»

Während die Staatsanwaltschaft am Dienstag der Meinung war, die Schilderungen des Opfers seien unmöglich zu erfinden, hielt sie der Verteidiger des Beschuldigten für «nicht besonders detailreich und originell». Hingegen waren sich beide Parteien einig darüber, dass die Thurgauerin kein Motiv habe, den in Flawil wohnhaften Mazedonier falsch zu belasten und ihm eine Retourkutsche zu erteilen. Die beiden hätten vor dem Vorfall Mitte September keinen Streit gehabt.

Bei der Eröffnung des Urteils sagte der Richter, die Aussagen der Klägerin würden sehr glaubwürdig wirken. «Man spürt, dass sie das selber erlebt hat. Und sie konnte genau beschreiben, wo es zum Vorfall mit M. K. gekommen ist.»

Mildere Strafe erhalten

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe in der Höhe von 240 Tagessätzen à 60 Franken plus eine Busse von 2500 Franken vorgesehen. M. K. sei der sexuellen Nötigung schuldig zu sprechen. Den Aspekt der Gewalt, der im Artikel 189 des Strafgesetzbuches (sexuelle Nötigung) erwähnt wird, konnte der zuständige Richter im konkreten Fall nicht erkennen, weshalb er M. K. schliesslich der sexuellen Belästigung gemäss Artikel 198 schuldig sprach und lediglich die Busse verhängte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. M. K. kann innerhalb von zehn Tagen einen begründeten Entscheid verlangen und Berufung einlegen.

* Name der Redaktion bekannt

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 20. September 2017 05:57
aktualisiert: 20. September 2017 11:21