Street-Art

Graffiti im FM1-Land – hier darfst du legal sprayen

Yasmin Stamm, 19. September 2022, 15:34 Uhr
Kunst oder Schmiererei? Graffiti ist ein kontroverses Thema. Kritik kommt vor allem, wenn sie illegal an privaten Wänden angebracht werden. Städte stellen jedoch immer mehr legale Wände für Sprayerinnen und Sprayer zur Verfügung und wir zeigen dir, wo diese sind.
Sprayen wird oft als Vandalismus angesehen.
© Getty

«Im Jahr 2021 hatten wir 695 als Sachbeschädigung qualifizierte Sprayereien», sagt Hans-Peter Krüsi, Leiter Kommunikation der Kantonspolizei St.Gallen, «Dieses Jahr wurden bisher 564 solche Fälle angezeigt».

Ungefähr zwei Beschwerden werden pro Tag wegen solcher «Schmierereien» bei der Kantonspolizei eingereicht. «Das Problem dabei ist, dass die Täter oft nicht direkt ermittelt werden können», sagt Krüsi. Wenn dies der Fall sei, dann hafte der Geschädigte oder im Fall von öffentlichen Gebäuden werde der Steuerzahler für die Kosten aufkommen. Die Strafe für illegales Graffiti sei Sache der Staatsanwaltschaft.

St.Gallen bei der Kreuzbleiche

Es gibt aber mittlerweile immer mehr legalen Raum für Graffiti-Künstlerinnen und -Künstler. So auch in der Stadt St.Gallen. Die «Hall of Fame» bei der Kreuzbleiche ist eine 40 Meter lange Holzwand, zugänglich für alle, die in der Freizeit gerne sprayen. Die Wand wurde 2020 aufgestellt und das Holz im Frühling 2022 erneuert. Künstler und Künstlerinnen dürfen täglich von 8 Uhr bis 22 Uhr sprayen.

Die «Hall of Fame» in St.Gallen. 

© Tagblatt/Michel Canonica

Grosse Nachfrage

«Die Nachfrage für eine weitere legale Wand in St.Gallen ist sehr gross», sagt Lüzza Bernet, Jugendarbeiter bei der Offenen Jugendarbeit Zentrum der Stadt St.Gallen. «Die Kreuzbleiche reicht auf keinen Fall». Die 40 Meter lange Holzwand zwischen Reithalle und Skatepark befriedigt die Graffiti-Szene überhaupt nicht. Der Ansturm ist riesig. Wenn man ein Bild sprayt, dann ist es in wenigen Tagen oft wieder übermalt.

Zusammen mit einigen Sprayern und Sprayerinnen aus St.Gallen gründete Bernet im Rahmen der Arbeit bei der Offenen Jugendarbeit Zentrum der Stadt St.Gallen den Verein «Dosenkult». Sie setzen sich für mehr legale Flächen ein, welche auch qualitativ hochwertiger sind.

Holz nicht gut genug

«Es wäre natürlich cool, wenn es neue Wände gebe», so Bernet. Vor allem freuen würden sich St.Galler Künstler und Künstlerinnen über eine legale Betonwand. Denn das Holz in der Kreuzbleiche werde zwar jährlich ausgetauscht, aber etwas für die Ewigkeit könne man da nicht schaffen, erzählte auch ein anonymer Sprayer gegenüber dem «St.Galler Tagblatt». Irgendwann beginnt sich die Oberfläche durch die Verwitterung abzulösen und darunter kommt nur Spanplattenholz zum Vorschein.

Die ablösende Oberfläche bringt eine hässliche Holzwand zum Vorschein. 

© Tagblatt/Michel Canonica

Ein Pfarrer von einer freien Kirche hat Lüzza Bernet vor kurzem angesprochen und wollte eine Betonwand, welche der Kirche gehört, zur freien Gestaltung zur Verfügung stellen. «Leider konnten wir die Idee nicht umsetzten. Die Wand ist zu nah an der Altstadt», sagt Bernet. Gute Plätze gebe es an sich genug in St.Gallen. Jedoch scheint die Stadt oft nicht einverstanden zu sein.

Chur, die Stadt mit vielen Wänden

Chur erscheint je länger, je mehr als Schweizer Street-Art-Stadt. Mit momentan vier legalen Wänden hat Chur viele Gelegenheiten für Graffiti-Künstler im FM1-Land. Die vier Standorte liegen bei der Bahnunterführung Giacomettistrasse Nord, bei der Autobahnunterführung Rheinstrasse Süd, der Fussgängerunterführung Grossbruggerweg und bei der Stützmauer Untere Plessurstrasse.

«Die ‹Street-Art-Stadt›»

Grund für die vielen Möglichkeiten in Chur war ursprünglich ein Workshop zu dem Thema Graffiti. «Es kam das Thema auf, dass es in Chur kaum Möglichkeiten gibt, legale Graffiti zu sprayen und man setzte sich daran, dies schnell zu ändern», sagt Helena Mettler, Leiterin Kulturfachstelle der Stadt Chur.

Der internationale Künstler «Bane» hätte jedoch auch seinen Beitrag geleistet. Er ist beispielsweise für die Gestaltung des Churer Mühleturms verantwortlich. Aber auch diverse andere Wandkunstwerke in der Bündner Hauptstadt stammen vom Churer Street-Art-Künstler. «Wir wissen zwar nicht, wie es in Chur heute aussehen würde, wenn er nicht gewesen wäre, aber man kann nicht sagen, dass er gar nichts mit unserer aktiven Einsetzung für Street-Art zu tun hat», so Mettler.

Quelle: FM1Today

Keine grosse Veränderung

Welchen Einfluss die legalen Wände auf die Szene der illegalen Sprayer und Sprayerinnen hat, kann Helena Mettler nicht genau beantworten. Sie geht davon aus, dass sich nicht viel verändert habe. «Was man jedoch ausschliessen kann, ist, dass Fälle von illegalen Graffiti zugenommen haben.»

Laut der Kantonspolizei Graubünden sind ihnen im Jahr 2021 170 Fälle von Sachbeschädigung durch Farbe und Spray bekannt. Im Jahr 2022 sind es bis jetzt 130 Fälle. Man gehe davon aus, dass die Zahl auch dieses Jahr noch auf 170 Fälle steigen werde. Auch sie erklären, dass es schwierig sei, zu sagen, ob die Fälle von illegalen Graffiti wegen der legalen Wände abgenommen hat. «Es gibt einfach keine genauen Untersuchungen dazu», heisst es von der Kantonspolizei.

Verkehr sollte nicht gestört werden

«Grundsätzlich sind wir fortlaufend auf der Suche nach neuen Standorten fürs Sprayen», erklärt Carlo Ursprung, Projektleiter, der Projektgruppe Graffiti Stadt Chur und Vertreter der Stadtpolizei, Grün- und Werkbetrieb, Tiefbaudiensten und der Kulturfachstelle. «Jedoch gibt es immer verschiedene Faktoren, auf welche es wichtig ist, zu achten.»

Zum Beispiel müsse man schauen, dass Verkehrsteilnehmende nicht von Sprayenden abgelenkt werden. Besonders an Fussgängerstreifen könne es zu heiklen Situationen kommen, wenn Autofahrer den Sprayern zuschauen und nicht auf Fussgänger achten.

Auch Unterführungen seien nicht perfekt. Ursprung erläutert: «Mittlerweile haben wir einige Ansprüche zu erfüllen. In Unterführungen ist das Licht sehr suboptimal. Lieber sind uns freie Wände.» Doch man müsse auch immer auf Privatbesitzer Rücksicht nehmen. «Bei Freistehenden Flächen sind oft mehrere Eigentümer und direkte Anstösser involviert, was die Freigabe der Wände im Vergleich zu Unterführungen erschwert.»

Frauenfeld ist schon länger dabei

In Frauenfeld ist seit 2012 die Tribünenrückwand der Badi Frauenfeld als legale Wand registriert. Solange man Rücksicht auf das Umfeld nimmt und keine diskriminierenden Sachen sprayt, ist alles erlaubt.

Hier darfst du in Frauenfeld legal sprayen. 

© Google Maps

In Buchs ist es hell beleuchtet

In Buchs ist im Jugendpark eine legale Wand für Sprayer und Sprayerinnen aufgebaut. Sie steht zur freien Gestaltung zur Verfügung und ist bis Mitternacht beleuchtet.

Solange du Rücksicht auf Andere nimmst, darfst du auch hier unter der Brücke sprayen. 

© Google Maps

Kennst du noch mehr legale Wände im FM1-Land? Schreib es uns in die Kommentare.

Yasmin Stamm
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. September 2022 05:40
aktualisiert: 21. September 2022 05:40
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