Geburtshaus Untervaz

«Bei Stress können Frauen nicht gut gebären»

Noémie Bont, 11. September 2019, 10:47 Uhr
Almasana, das erste Geburtshaus in Graubünden
Nach mehreren Jahren eröffnet in Graubünden erstmals wieder ein Geburtshaus.
© pd
Gebären ohne Hektik und Stress, das wollen drei Hebammen mit ihrem neuen Projekt ermöglichen. Ab Januar 2020 soll es in Graubünden nach Jahren wieder ein Geburtshaus geben. Mehr als die Hälfte des Geldes fehlt aber noch.

Seit sechs Jahren hat der Kanton Graubünden kein Geburtshaus mehr. Das letzte war in Jenins stationiert und schloss im Juli 2013 die Pforten – wegen Hebammenmangels. Die Geburtshelfer waren überlastet und arbeiteten rund um die Uhr. Trotzdem wagen es drei Frauen, in Untervaz nach Jahren wieder ein Geburtshaus in Graubünden zu eröffnen. 

«Es war kein Kinderspiel, ein passendes Haus zu finden. Es sollte genügend Zimmer haben, für Gewerbe genutzt werden können, das Budget nicht sprengen und maximal 15 Minuten von einem Spital entfernt sein», sagt Graziella Montalta, ein Mitglied des Gründerinnen-Trios. Ein Haus in Untervaz hat diese Kriterien offenbar erfüllt. Nur beim Budget muss mit einem Crowdfunding nachgeholfen werden.

Es fehlen 70'000 Franken

100'000 Franken sollen gespendet werden, damit die drei Hebammen Graziella Montalta, Regula Russi und Tamara Müller Langenegger die Kosten für ihr Projekt nicht alleine stemmen müssen. Zusammengekommen sind bis jetzt 30'000 Franken, nicht mal die Hälfte. «Es haben viele Frauen gespendet, die bei mir schon mal geboren haben oder von mir betreut wurden», so Graziella Montalta. «Damit aber unsere Bekannten, Kollegen und unser Privatvermögen nicht daran glauben müssen, sind wir auf noch mehr Spender angewiesen.» Die Frist des Crowdfundings läuft am Sonntag ab.

Eröffnung im Januar 2020

Für die drei Frauen ist aber klar, das Geburtshaus Almasana (gesunde Seele) wird trotz fehlender Spendengelder im Januar 2020 eröffnet. Notfalls müssen sie tiefer in ihren eigenen Taschen graben gehen.

Der Aussenbereich des neuen Geburtshauses

So sieht das neue Geburtshaus von aussen aus. 

© zVg

Die Nachfrage nach einem Geburtshaus in Graubünden bestehe auf jeden Fall. «Es haben sich bereits Frauen für Geburten bis April bei uns angemeldet.» Im Almasana sollen monatlich drei bis fünf Geburten stattfinden. 

Platz reicht für zwei Familien

«Das Haus hat sechseinhalb Zimmer, also genug Platz für zwei Familien. Hinzu kommt, dass das Geburtshaus eine Viertelstunde von der Frauenklinik Fontana des Kantonsspitals Graubünden in Chur entfernt liegt», sagt Montalta. Gibt es während der Geburt also Probleme, zum Beispiel wenn es nicht vorwärts geht, oder die Frau die Schmerzen nicht mehr erträgt, kann die Hebamme schnell auf das Spital ausweichen.

Der Anreiz der drei Frauen, ein solch grosses Projekt zu wagen, besteht darin, den Müttern «traumatische Erlebnisse» zu ersparen. «30 Prozent der Spitalgeburten enden im Operationssaal mit einem Kaiserschnitt. Diese hohe Zahl entsteht unter anderem, weil sich die Frauen bei der Geburt zu sehr gestresst fühlen. Es gibt Schichtenwechsel, Geläufe, Lärm und Hektik. Bei Stress können Frauen nicht gut gebären», sagt Hebamme Montalta aus langjähriger Erfahrung.

Im neuen Bündner Geburtshaus dürfen nur Frauen gebären, bei denen es während der Schwangerschaft nicht zu Komplikationen gekommen ist. Sobald Frau und Kind krank sind, das Kind zu früh auf die Welt kommen sollte, oder im Bauch der Mutter falsch liegt, werden die Schwangeren auf das Spital verwiesen.

Grosse Nachfrage beim St.Galler Geburtshaus 

Vor fünf Monaten eröffnete auch in der Stadt St.Gallen ein Geburtshaus, was auf grossen Anklang gestossen ist. Nach nicht einmal in einem halben Jahr hat das elfköpfige Hebammenteam bereits so viele Geburten durchgeführt, wie für das ganze erste Jahr geplant gewesen wären, sagt die Mitgründerin und Hebamme Mirjam Kelemen. «Seit April haben wir 72 Geburten betreut und mit den Geburtenanmeldungen für den September stossen wir an unsere Grenzen.» Aufgrund der nur wenigen Geburtshäuser in der Ostschweiz melden sich junge Eltern aus allen Ostschweizer Kantonen und dem nahen Ausland bei den St.Gallerinnen. Nachfragen, die vielleicht schon bald abflachen könnten, wegen des neuen Geburtshauses in Untervaz.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 11. September 2019 10:28
aktualisiert: 11. September 2019 10:47