Nach Mutterkuh-Riss

Bündner Wölfen droht der Abschuss: Experten sind sich uneins

Sven Lenzi, 12. Juli 2022, 09:33 Uhr
Das sogenannte «Beverin-Wolfsrudel» treibt in Graubünden wiederholt sein Unwesen. In der Nacht auf Samstag reissen die Wölfe eine Mutterkuh. Wie soll es mit den Wölfen nun weitergehen? Die Meinungen von Wolfsexperten gehen auseinander.
Das «Beverin-Wolfsrudel» sorgt immer wieder für Aufsehen.

Es sind Bilder, die verstörend wirken. Eine Mutterkuh auf der Alp Nurdagn am Schamserberg im Kanton Graubünden liegt komplett zerfleischt auf der Weide, sie wurde in der Nacht auf Samstag von einem Wolfsrudel gerissen. Als Konsequenz daraus sieht das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden einen Abschuss innerhalb des Wolfsrudels vor.

Das Beverin-Rudel als Ausreisser

«Es handelt sich um einen bedauerlichen, aber auch extrem seltenen Fall», so David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz, gegenüber FM1Today. Er kennt sich bestens mit dem Verhalten der Raubtiere aus: «Die Tötung einer ausgewachsenen Kuh ist ungewöhnlich und bisher einmalig in der Schweiz. Somit kommt der Fall zwar überraschend, andererseits aber auch nicht, denn auch im europäischen Ausland gibt es vereinzelt solche Fälle.» Und trotzdem: «Das Beverin-Rudel reisst wesentlich mehr Nutztiere als die anderen Rudel in der Schweiz, auch grosse Nutztiere und solche unter Herdenschutz. Eine Regulierung, allenfalls auch die Entnahme des Leitrüden, sind daher richtig.»

Ein Abschuss hat Folgen

Der Sedruner Peter Dettling hingegen, der seit 2005 das Verhalten von wildlebenden Wölfen in Kanada, den USA und der Schweiz beobachtet, findet: «Ein Abschuss wäre kontraproduktiv. Ein Eingriff in ein Wolfsrudel gleicht einem Eingriff in einen Familienverband. Dabei belegen Studien, dass sich durch Abschüsse innerhalb eines Wolfsbestands die Schäden bei Nutztieren in den nächsten paar Jahren um vier Prozent erhöhen.»

Die meisten Wolf-Abschüsse in den vergangenen Jahren gab es im Beverin-Wolfsrudel. «Es handelt sich also um einen falschen Umgang mit der Situation seitens der Behörden.» Weitere Aussagen zum Verhalten der Wölfe seien aber schwierig. Dettling: «Die Beobachtungs-Daten liegen allesamt beim Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. Da das Amt diese Daten nicht preisgibt, ist es für Aussenstehende schwierig eine optimale Einschätzung zur Situation zu machen.»

Mehrere Alternativen möglich 

Für das weitere Vorgehen gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die Wildhüter wollen die Tiere vertreiben. Dafür soll am Rissort ein Wolf des Beverin-Rudels narkotisiert und mit einem GPS-Sender ausgerüstet werden. Auf der anderen Seite plant das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden eine Regulierung durch Abschüsse. Solche Abschüsse seien aber derzeit erst möglich, wenn der Umfang des Nachwuchses im Rudel bestätigt werden könne. Dies könne noch bis Ende Juli, spätestens Anfangs September dauern, so Adrian Arquint, Amtsleiter für Jagd und Fischerei. Dann werde voraussichtlich die Hälfte der Jungtiere abgeschossen.

Für Peter Dettling ist aber klar: Ein Zusammenleben mit den Wölfen kann funktionieren. Wichtig ist dabei vor allem der Herdenschutz und dass alle involvierten Instanzen am gleichen Strang ziehen: «Dann könnte Graubünden ein Vorzeigebeispiel werden für das erfolgreiche Zusammenleben von Wölfen, Schafen, Kühen und anderen Tieren.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. Juli 2022 07:57
aktualisiert: 12. Juli 2022 09:33
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