Entalpung nach Wolfsrissen

«Fast unmöglich, Schutzmassnahmen zu ergreifen, die etwas bringen»

30. August 2022, 08:59 Uhr
In Klosters werden am Montag 1300 Schafe nach mehreren Wolfsrissen von einer Alp ins Tal gebracht. Für den Gemeindepräsidenten Hansueli Roth ist es eine Tragödie. Im Interview erzählt er, dass sich die Gemeinde hilflos und nicht ernst genommen fühlt.
Die Herdenschutzmassnahmen haben auf der Börteralp in Klosters nichts mehr gebracht. (Symbolbild)
© Getty Images
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Hansueli Roth, wie viele Wolfsrisse hat es in den letzten Wochen auf Ihrem Gemeindegebiet gegeben?

Wir können keine genaue Zahl sagen, es sind aber zwischen 60 und 100. Das Schlimmste ist, dass die Risse in den letzten Tagen extrem zugenommen haben. Mittlerweile sind es bis zu 16 Risse pro Tag.

Was macht das mit den Hirten?

Die hatten einen so grossen Stress, dass sie sagen mussten, wir können die Arbeit nicht mehr machen. Die Angst ist dermassen gross, dass jeden Tag noch mehr Schafe tot daliegen. Das sind entsetzliche Bilder. Die Hirten haben deshalb abwechslungsweise bei den Schafen geschlafen, in der Hoffnung, dem Wolf Angst machen zu können. Das hat aber nichts genützt.

Nun werden 1300 Schafe ins Tal gebracht.

Genau. Heute Nachmittag werden die Tiere von der Börteralp nach Klosters gebracht. Nach ersten Zählungen fehlen mehr als 100 Schafe. Wo die verbliebenen Tiere untergebracht werden, ist noch unklar. Die Besitzer müssen noch heute eine Lösung suchen.

Wie viele Wölfe sind für diese Entalpung verantwortlich?

Bis jetzt sprechen wir von einem Wolfspaar. Es gab bis am Sonntag keine Anzeichen, dass es sich um ein Rudel handelt.

In einer Mitteilung haben sie geschrieben, dass der Herdenschutz vorbildlich war. Weshalb kam es dann zu den vielen Rissen?

Die Schafe waren tiptop eingezäunt und es gab Herdenschutzhunde. Ausserdem wurden die Schafe in der Nacht zusammengetrieben. Das ist ein riesiger Aufwand und trotzdem passieren regelmässig Risse. Es ist fast unmöglich, Schutzmassnahmen zu ergreifen, die noch etwas bringen. Die Wölfe sind dermassen schlaue Tiere. Wir sind ihnen nicht gewachsen.

Ist es das erste Mal, dass es in Klosters zu solchen Problemen mit dem Wolf kommt?

Nein, wir hatten das genau gleiche Problem letztes Jahr auf einer anderen Alp. Die Schutzmassnahmen waren damals aber noch nicht ganz so gut. Die Tiere wurden auch da sofort von der Alp geholt. Mittlerweile ist die Alp wieder bedient und es gibt Schutzeinrichtungen, die bis jetzt gehalten haben.

Was für Auswirkungen haben solche Entalpungen für die Region?

Wenn man die Wölfe einfach machen lässt, dann kommen die Hirten mit ihren Schafen nicht mehr zu uns und die Alpen werden nicht mehr bewirtschaftet. Sie verwildern. Wir haben aber wahnsinnig schöne Alpen und haben Millionen in sie investiert. Wenn man Alpen nicht mehr bestossen kann wegen Wölfen, ist das ein Missverhältnis.

Was sind die Forderungen der Gemeinde?

Wir fordern nicht, dass der Wolf ausgerottet werden soll. Die Wölfe sollen ihren Platz haben, sollen aber reguliert werden. Die Anzahl der Wölfe im Kanton überschreitet derzeit die Schmerzgrenze. Fast überall im Kanton ist die Situation so angespannt wie bei uns. Wir haben als Berggemeinde das Gefühl, vom Bund nicht ernstgenommen zu werden. Im Unterland sieht man nicht, dass die Folgen durch den Wolf verheerend sind.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 29. August 2022 19:17
aktualisiert: 30. August 2022 08:59