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White Turf, Snow Polo

Graubünden: Meldepflicht für Pflegefachpersonen – und trotzdem Grossveranstaltungen

Christoph Thurnherr, 14. Januar 2022, 07:41 Uhr
Der Kanton Graubünden bereitet sich auf die heisse Phase der Omikron-Welle vor und erlässt eine Meldepflicht für Pflegefachpersonen. In der Durchführung von Grossveranstaltungen sieht der Kanton jedoch keine Probleme.
Die Meldepflicht für Pflegekräfte löst in Graubünden Verunsicherung und Unverständnis aus, gerade auch im Hinblick auf die geplanten Grossveranstaltungen im Engadin.

«In der derzeitigen, ausserordentlichen Lage wird es unvermeidlich sein, dass Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen personelle Engpässe werden bewältigen müssen», teilte der Kanton Graubünden am Mittwoch mit und begründete damit eine neue Meldepflicht für ausgebildete Pflegefachpersonen, die nicht mehr im Beruf tätig sind.

Diese Fachpersonen sollen zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Einsatz verpflichtet werden können, sollte die Situation dies erfordern. Ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt, genauer vom 28. bis 30. Januar, soll in St. Moritz mit dem «Snow Polo World Cup» eine Grossveranstaltung stattfinden – mit bis zu 15'000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Ebenfalls auf dem gefrorenen See sind kurz darauf die «White-Turf»-Rennen geplant, die über verschiedene Tage verteilt bis zu doppelt so viele Personen anziehen sollen.

«Keine erhöhte Infektionsgefahr»

Einerseits bereitet sich der Kanton Graubünden also darauf vor, im Bedarfsfall Personen zu einem Einsatz in Gesundheitssektor zu zwingen – obwohl diese mittlerweile möglicherweise in einem ganz anderen Bereich arbeiten. Andererseits lässt er es stand heute zu, dass tausende Menschen zusammenkommen und feiern.

Denn bei einem Cüpli neben der Rennstrecke dürften es die Reichen und Schönen – die gehobene St. Moritzer Hotellerie ist am Snow Polo-Wochenende ausgebucht – wohl nicht belassen. Es liegt auf der Hand, dass Veranstaltungen dieser Art einen Booster für die Wirtschaft darstellen.

Beim Snow Polo in St.Moritz tragen auch die Hunde Pelz und Sonnenbrille. 

© keystone

Einen Widerspruch erkennt man im Kanton Graubünden darin nicht. «Grossveranstaltungen sind bisher nicht mit erhöhter Infektionsgefahr aufgefallen, Hauptansteckungsort ist das familiäre Umfeld», heisst es auf Anfrage von FM1Today. Der Aufruf zur Registrierung bezwecke indes lediglich das Anlegen eines Fachkräfte-Pools, der bei Bedarf kontaktiert werden könne.

«Nur noch die Suppe auslöffeln»

Natürlich gelten an den erwähnten Anlässen entsprechende Sicherheitsvorschriften. Auf dem «White-Turf»-Aussengelände beispielsweise ist 3G Pflicht, in den Innenbereichen 2G und in den VIP-Zelten 2G+. Also vergleichbare Verhältnisse wie bei den Skirennen in Adelboden, die weltweit massiv kritisiert wurden.

Aus Sicht der registrierten Pflegekräfte seien solche Veranstaltungen befremdlich, sagt Renate Rutishauser, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands für Pflegefachkräfte Sektion Graubünden: «Ich glaube, man geht jetzt einfach davon aus, dass diese Omikron-Welle rollt – egal was man tut oder nicht tut. Jetzt kann man nur noch die Suppe auslöffeln.»

Im Gesundheitswesen sitze man wie auf Nadeln. Die Auslastung im Kanton ist hoch, Stand 12. Januar sind zwei Betten auf den Intensivstationen frei.

Meldepflicht löst Ängste aus

Laut dem Kanton Graubünden haben sich seit dem Aufruf am Mittwoch bereits rund 180 Personen registriert. Die Form einer Melde-Verpflichtung habe jedoch schon vor zwei Jahren, beim letzten Aufruf dieser Art Unverständnis, teilweise sogar Ängste ausgelöst.

«Die Leute haben sich gefragt, ob sich deswegen ihre Lebenssituation ändern könnte, weil sie vielleicht mittlerweile Kinder, oder Risikopatienten innerhalb der Familie haben», sagt Rutishauser. Seit dem neuen Aufruf habe sie vor allem auf Social Media heftige Reaktionen festgestellt.

«Ich habe grundsätzlich Verständnis dafür, dass man sich in dieser Situation Hilfe sucht. Man hätte aber auch mit uns Kontakt aufnehmen und einen Aufruf auf freiwilliger Basis machen können», sagt Rutishauser. Allenfalls hätte auch ein zusätzlicher Anreiz in Form einer finanziellen Entschädigung geschaffen werden können.

Mit der gewählten Methode habe sich der Kanton vertan: «Eine Meldepflicht so wie jetzt, kommt sehr schlecht an, bei diesem Entscheid fehlt das Fingerspitzengefühl.»

Bisherige Pandemiebewältigung in Graubünden lässt hoffen

Trotz Meldepflicht verlässt sich der Kanton Graubünden Stand heute auf sein Gesundheitswesen. «Die Spitäler können wie gewohnt arbeiten. Sie sind es gewohnt, flexibel auf unterschiedliche Situationen zu reagieren und bereiten sich auf alle möglichen Szenarien vor», heisst es auf Anfrage.

Und Graubünden hat für seinen Umgang mit der Coronavirus Pandemie bisher auch stets gute Noten bekommen. Etwas, dass auch Renate Rutishauser hervorhebt: «Letztes Jahr habe ich mich wegen der offenen Skigebiete kritisch geäussert – und hatte Unrecht. Es gab keinen massiven Anstieg der Zahlen.»

Es sei nun mal Tatsache, dass der Tourismus in Graubünden ein wichtiger Faktor sei. Dem werde auch vieles untergeordnet, trotzdem seien dort vernünftige Personen am Werk.

Und solche Zustände wie in Adelboden sind in St.Moritz dann wohl doch noch nicht zu erwarten – ausser Marco Odermatt gewinnt beim «White Turf» auch noch zu Pferd. Bei seiner derzeitigen Form wärs möglich.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 14. Januar 2022 05:50
aktualisiert: 14. Januar 2022 07:41