Ist Bündner «Öko-Terrorist» wieder frei?

Lara Abderhalden, 14. März 2017, 17:27 Uhr
Marco Camenisch, als er als Öko-Terrorist bekannt wurde.
Marco Camenisch, als er als Öko-Terrorist bekannt wurde.
© KEYSTONE/HO/Str
Der Schweizer Anarchist und «Öko-Terrorist» Marco Camenisch soll wieder auf freiem Fuss sein. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Camenisch früher aus dem Gefängnis entlassen werden soll als erwartet. Dieser Fall soll nun eingetreten sein. Damit wäre eines der längsten Kapitel der Justizgeschichte zu Ende.

Für die einen ist Camenisch ein politischer Gefangener, eine Ikone des Klassenkampfs, für andere der «Öko-Terrorist» oder einfach nur ein gewalttätiger Radikaler - auf jeden Fall hat er die Schweiz beschäftigt. Marco Camenisch verübte 1979 gemeinsam mit einem Komplizen mehrere Sprengstoffanschläge auf Hochspannungsmasten in der Schweiz. Er wurde verurteilt, floh dann aber aus der Strafanstalt Regensdorf mit fünf weiteren Gefangenen. Beim Gefängnisausbruch wurde ein Aufseher getötet.

Nach seinem Ausbruch tauchte er in Italien unter. Nach mehrtägiger Flucht wurde er jedoch von einem Grenzwächter in Graubünden erwischt. Camenisch erschoss den Grenzwächter und flüchtete erneut. In einem Interview mit der «Südostschweiz» vor drei Jahren bestritt er allerdings, den Zöllner getötet zu haben.

Rund zwei Jahre später verletzte er in Italien einen Polizisten mit einer Schusswaffe schwer. 1991 wurde er schliesslich verhaftet und im Jahr 2002 an die Schweiz ausgeliefert.

Ist er auf freiem Fuss?

In einem Schweizer Gefängnis sitzt Camenisch nun schon seit 25 Jahren. Oder besser gesagt sass. Wie «Radiotelevisiun Svizra Rumantscha» berichtet, soll Marco Camenisch aus dem Gefängnis entlassen worden sein. Das RTR beruft sich dabei auf zwei unabhängige Quellen. Das Zürcher Amt für Justizvollzug will die Entlassung weder bestätigen noch dementieren, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Das Amt dürfe keine personenbezogenen Daten weitergeben, da diese dem Amtsgeheimnis unterstehen.

Bereits vor einigen Wochen war die Rede von einer vorzeitigen Entlassung. Die «NZZ» berichtete damals, dass Camenisch Ende März entlassen werden soll. Eigentlich sollte die Haft noch bis Mai 2018 dauern. Camenisch sei aber mündlich eine vorzeitige Entlassung in Aussicht gestellt worden.

Camenisch soll sich im Tessin niederlassen

Während seiner Zeit im Gefängnis hatte Camenisch immer wieder Kontakt zu linksradikalen Kreisen. Seiner politischen Gesinnung ist er während der Jahre treu geblieben: «Das Gefängnis hat meine kritische Haltung dem Staat gegenüber noch verstärkt», sagte er vor einigen Jahren. Allerdings habe er sich von der politischen Gewalt distanziert. Wegen seiner radikalen Einstellung wurde er unter anderem nicht bereits nach zwei Dritteln der Haft entlassen, wie es sonst im Strafvollzug bei guter Führung üblich ist.

Der Kontakt zu linksradikalen Kreisen wird von den Behörden nun als positiv eingeschätzt. So sollen diese Camenisch geholfen haben, ein soziales Netz aufzubauen und sich schrittweise in die Gesellschaft einzugliedern. Deshalb habe er auch bereits im letzten Jahr regelmässig Urlaub erhalten. Dies war vermutlich auch die Voraussetzung für die frühzeitige Entlassung.

Wo sich Camenisch im Moment aufhält, darüber wird nur spekuliert. So vermutet RTR, dass sich Camenisch möglicherweise im Tessin niederlässt.

Lara Abderhalden
Quelle: abl
veröffentlicht: 14. März 2017 17:18
aktualisiert: 14. März 2017 17:27