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Graubünden

Nach Wolfsangriff in Klosters: «Schäfer wollen nichts für Herdenschutz tun»

Krisztina Scherrer, 7. Juli 2021, 07:30 Uhr
17 Lämmer sind in der ersten Nacht auf der Alp nach einem Wolfsangriff gestorben. Darauf verliess der Hirte samt 700 Schafen die Alp in der Nähe von Klosters. Das sei eine «reine Trotzreaktion des Bauern» findet David Gerke von Wolf Schweiz.
In der Schweiz verbringen über 200'000 Schafe in 6800 verschiedenen Alpbetrieben den Sommer.
© Keystone

700 Schafe verliessen am Montag innert Stunden die Alp Pardenn nahe Klosters, dies nach nur sieben Tagen. Der Grund: Bei einem Wolfsangriff in der ersten Nacht auf der Alp starben 17 Lämmer. 3000 Franken kosten die ausserplanmässigen Transportfahrten und dazu fehlen den Bauern auch noch die Sömmerungs- und die Alpbeiträge.

Eine Premiere im Kanton Graubünden, wie der «Tagesanzeiger» schreibt. Beim kantonalen Amt für Jagd und Fischerei kennt man keinen vergleichbaren Fall. Der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband spricht von einem «noch seltenen Fall, der aber mit der Entwicklung der Wolfspopulation öfter zu erwarten ist».

«Herdenschutzhunde kann man nicht einfach zusammentun»

Es gibt mehrere Möglichkeiten, einen effizienten Herdenschutz zu gewährleisten, je nach Gelände sind aber nicht alle gleich einfach umzusetzen. Gerade bei der Alp oberhalb von Klosters sei es schwierig, einen kilometerlangen Zaun im steilen Gelände aufzustellen. «Auch Herdenschutzhunde können nicht eingesetzt werden», sagt Roman Marugg. Er ist der Alpmeister. Gegenüber dem «Tagesanzeiger» sagt er: «Es brauchte zu viele Hunde. Und es sind ja verschiedene Herden von verschiedenen Bauern. Solche Hunde kannst du nicht einfach zusammentun.» Auch für Touristen könne es gefährlich werden, weil die Hunde ihre Schafe verteidigen.

Erfolgreicher Herdenschutz durchaus möglich

«Die Herausforderungen im Herdenschutz sind real und unbestritten», sagt David Gerke von Wolf Schweiz gegenüber FM1Today. Trotzdem glaubt er, dass der Alpabgang eine Trotzreaktion sei und das nur, weil die Revision des Jagdgesetzes letztes Jahr nicht angenommen wurde. Im Kanton Graubünden gebe es dutzende Alpen, die erfolgreich Herdenschutz betreiben und wenige bis keine Probleme mit dem Wolf haben. In diesem Fall sei der Schäfer wohl ganz offensichtlich nicht gewillt, etwas für den Herdenschutz zu tun. Gerade in der Region, in welcher die betroffene Alp liegt, hätte man schon unzählige Male bewiesen, dass mit Behirtung, Herdenschutzhunden und Nachtpferchen dem Problem entgegengewirkt werden kann. «Wenn die Schäfer nicht wollen, wollen sie halt nicht.»

«Mediale Stimmungsmache gegen den Wolf»

Der betroffene Bauer hat aber durchaus etwas unternommen: Nach dem ersten Wolfsangriff auf der Alp Pardenn, als 17 Lämmer ihr Leben verloren hatten, kam der Wolf Nacht für Nacht vorbei. Auf der Alp wurde eine Nachtwache organisiert. Sieben Tage lang von 22 bis 5 Uhr hielten stets zwei Leute die Tiere im Auge. Am frühen Montagmorgen ging es für den Alpmeister jedoch nicht mehr: Acht Bauern trieben ihre insgesamt 700 Schafe zusammen und zurück ins Tal.

«Diese Aktion ist eine mediale Stimmungsmache gegen den Wolf», ist sich Gerke sicher. «Die Situation ist ganz klar: Die Schafe waren ungeschützt. Der Schäfer wurde nicht vom Wolf überrascht, denn jeder weiss, das der Wolf in diesem Gebiet unterwegs ist.» Er führt weiter aus: Im Prättigau kenne man den Wolf seit 15 Jahren, offenbar habe man in dieser Zeit nicht die notwendigen Schutzmassnahmen ergriffen. Das sei absolut verantwortungslos gegenüber den eigenen Tieren. «Dann ist es konsequent, die Tiere von der Alp zu nehmen. Besser als gar keine Massnahmen zu ergreifen.» Immerhin gebe es so keinen Konflikt mehr und der Fall scheint beendet.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 7. Juli 2021 07:10
aktualisiert: 7. Juli 2021 07:30