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«Sie sehen den Tod als letzten Ausweg»

Noémie Bont, 15. Januar 2019, 15:00 Uhr
Ein 33-jähriger Vater hat in Chur seine Wohnung angezündet und damit seine beiden Kinder getötet. Was veranlasst einen Täter, so zu handeln? Die Ostschweizer Psychologin Monika Egli-Alge erklärt.

Ein Mehrfamilienhaus in Chur brannte in der Nacht auf Sonntag lichterloh. Rund 40 Wohnungen mussten evakuiert werden. Acht Personen wurden verletzt, drei Personen starben. Dabei handelt es sich um einen Vater, der den Brand gemäss der Kantonspolizei Graubünden absichtlich gelegt haben soll. Seine beiden Kinder, ein dreijähriger Bub und ein achtjähriges Mädchen, starben. Die Rechtspsychologin Monika Egli-Alge aus dem Forensischen Institut Ostschweiz (Forio) erklärt den Gedankengang solcher Täter.

Monika Egli-Alge, was sind Gründe, die Personen dazu bewegen, eine solche Tat zu begehen?

Bei Tötungsdelikten allgemein sind die Motive oftmals im Beziehungsgefüge zu finden. Wenn jemand ein Familienmitglied tötet, geht es häufig um Eifersucht. Man hat das Gefühl, man käme zu kurz und der Andere erhalte mehr. Man ist beispielsweise ein nicht-sorgeberechtigtes Elternteil, sieht die Kinder gefühlt zu wenig und möchte sie auch nicht dem Anderen überlassen. Dann sehen manche Personen keinen anderen, erwachsenen Lösungsansatz mehr.

Monika Egli-Alge Rechtspsychologin und Leiterin FORIO (Forensisches Institut Ostschweiz)
© forio

In welcher Situation stecken Personen, die sich selber und weitere Personen töten?
Der Tod ist in unserer Gesellschaft der letzte Ausweg, das letzte Mittel. Wenn jemand Hand an jemand anderen legt, muss die Verzweiflung gross sein. Um eine Erklärung für das Wieso zu finden, muss man unbedingt die ganze Situation des Täters miteinbeziehen. Das können individuelle Situationen sein. Es ist aber davon auszugehen, dass beim Täter vorher eine Abwägung stattfinden musste für andere Lösungsansätze für sein Problem.

Greifen Männer oder Frauen häufiger zu solchen Mitteln?

Grundsätzlich werden mehr Tötungsdelikte von Männern begangen als von Frauen. Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Klar ist, Männer führen die Tötungsdelikte anders aus als Frauen. Bei den Männern werden häufig Schusswaffen eingesetzt oder Methoden, die sehr auffällig sind, wie beispielsweise ein Brand. Frauen verwenden häufiger Stichwaffen und Gifte. Vergiftungen fallen nicht so auf und sorgen für weniger Aufruhr. Brände werden aber in der Regel verwendet, um Tötungsdelikte zu vertuschen.

Sind sich die Täter jeweils bewusst, dass sie andere in Mitleidenschaft ziehen?

Die Täter nehmen in Kauf, dass andere auch verletzt werden können. Aber das ist ihnen komplett egal. Sie fokussieren sich nur auf ihr eigenes Elend und die eigene Situation ist ihnen viel näher. Nach mir kommt sowieso die Sintflut, denken sie. In der Bewertung der Situation solcher Personen gewinnt immer das eigene, schlimme Gefühl.

Gibt es Hinweise, die einen verzweifelten Menschen erkennen lassen?

Es gibt keine klaren, absoluten Muster. Wichtig ist, dass man jeden Hinweis, den jemand verbal von sich gibt, ernst nimmt. «Wenn wir alle tot wären… dann ist alles erledigt», beispielsweise. Man weiss nie, wie weit weg jemand von einem solchen Entschluss ist. Es gibt nicht nur einen Auslöser. Die Täter stecken meistens mental in einer Planungs- beziehungsweise in einer Bilanzierungsphase. «Soll ich? Soll ich nicht? Wenn es gar nicht mehr geht, setze ich dem ein Ende!»

Noémie Bont
Quelle: bon
veröffentlicht: 14. Januar 2019 18:31
aktualisiert: 15. Januar 2019 15:00