Bonaduz

«Wir können nicht alle bestellten Beatmungsgeräte liefern»

Dario Brazerol, 19. März 2020, 06:53 Uhr
In der Hamilton wird neu auch am Sonntag produziert.
© Hamilton Medical AG
Während grosse Teile der Schweizer Wirtschaft lahm liegen, herrscht in der Hamilton Medical AG in Graubünden Hochbetrieb. Dort werden Beatmungsgeräte für Spitäler hergestellt. Die erhöhte Nachfrage ist eine Herausforderung für das Unternehmen.

Während die Zahl der am Coronavirus infizierten Patienten in den Schweizer Spitälern steigt, werden die für die Behandlung benötigten Beatmungsgeräte immer knapper. Bei schweren Erkrankungsfällen kann das Virus zu Lungenentzündungen führen. Diese Patienten müssen künstlich beatmet werden. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin verfügen aktuell 800 bis 850 Betten auf Intensivstationen über Beatmungsgeräte. Im Hinblick auf die exponenzielle Entwicklung der Corona-Erkrankungen dürfte der Bedarf bald ansteigen.

Hier kommt die Hamilton Medical AG ins Spiel. Das medizinaltechnische Unternehmen mit Hauptsitz im bündnerischen Bonaduz und Produktionsstätte in Domat/Ems stellt ebendiese Beatmungsgeräte her. Während der Rest der Schweizer Wirtschaft sich in Entschleunigung üben muss, herrscht bei der Hamilton Hochbetrieb. Das Unternehmen produziert im 24-Stunden-Betrieb und neu auch am Sonntag. Für diese Arbeitsbewilligung reichte laut Radio SRF ein Anruf von CEO Andreas Wieland an den Bündner Regierungspräsidenten Christian Rathgeb.

«Ausmass der Nachfrage hat uns erstaunt»

«Wir sind daran, unsere Produktion auf Maximalkapazität hochzufahren. Wann dies erreicht sein wird, ist schwierig vorherzusagen, da es von vielen Faktoren abhängt, auf die wir nur bedingt Einfluss nehmen können», schreibt Alexander Starcevic, Marketingdirektor der Hamilton Medical AG, auf Nachfrage von FM1Today. Im Hinblick auf die Entwicklung des Virus in China hat das Unternehmen vorsorglich grosse Mengen an Rohmaterialien und den nötigen Baustoffen angelegt. «Dass die Nachfrage solche Ausmasse erreichen wird, hat uns aber auch erstaunt.»

Die gesteigerte Nachfrage bedeutet mehr Arbeit für die rund 350 Angestellten, besonders in der Produktion. Deshalb rekrutiert das Unternehmen aktuell sogar neue Mitarbeiter, was sich als Herausforderung für das Unternehmen entpuppt: «Der grösste Engpass ist im Moment, genug Mitarbeiter für alle betroffenen Bereiche zu finden und anzulernen und gleichzeitig die Liefermenge bei unseren Lieferanten zu maximieren. Wir behelfen uns damit, dass wir zur Unterstützung auch Personal aus anderen Bereichen beiziehen, um dort zu helfen, wo die Kapazitäten zu knapp sind.»

«Schweiz hat oberste Priorität»

Höchste Priorität, so Alexander Starcevic, habe für die Mitarbeiter trotz erhöhter Produktion nach wie vor die Sicherheit: «Seit dieser Woche gilt Homeoffice für alle mit einem Büroarbeitsplatz. Das reduziert die Exposition der Produktionsmitarbeiter natürlich drastisch. Wir hatten auch schon Wochen vorher andere Massnahmen getroffen, um die Gefahr für die Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten. So wird den Mitarbeitern beispielsweise am Eingang die Temperatur gemessen.»

Neben den verschärften Sicherheitsvorkehrungen hat das medizinaltechnische Unternehmen mit Herausforderungen wirtschaftlicher Natur zu kämpfen. Die Beatmungsgeräte werden in die ganze Welt geliefert. China, Italien und aktuell natürlich auch an die Schweizer Kantonsspitäler. «Zurzeit können wir nicht alle Bestellungen beliefern, da der Ansturm einfach zu gross ist. Daher analysieren wir die aktuelle Lage in den Ländern und schicken die Geräte dahin, wo die grösste Not herrscht. Natürlich hat die Schweiz oberste Priorität und wir tun alles, um den Bedarf in der Schweiz abzudecken.»

Hamsterkäufern entgegenwirken

Es gebe allerdings auch im Markt der Beatmungsgeräte Hamsterkäufer, welchen das Unternehmen mit einem strikten Monitoring entgegenwirken wolle. Denn diese könnten schwerwiegende Konsequenzen für Coronavirus-Patienten mit sich ziehen, sagt Alexander Starcevic: «Hamsterkäufe führen im schlechtesten Fall dazu, dass das benötigte Material nicht mehr dorthin kommt, wo es für die Rettung von Menschenleben benötigt würde.»

Um zu hamstern, müssten die Käufer tief in die Tasche greifen. Ein einzelnes Gerät kostet rund 45'000 Franken. Über eine potenzielle Gewinnentwicklung des Unternehmens will laut dem Marketingdirektor in der Firma aktuell niemand sprechen: «Unser Fokus liegt darauf, die Bevölkerung in der Schweiz und in anderen betroffenen Ländern bestmöglich mit lebenswichtigen Beatmungsgeräten zu versorgen.»

Dario Brazerol
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 19. März 2020 06:49
aktualisiert: 19. März 2020 06:53