St.Gallen

Heroin-Ersatz ist knapp: «Dramatisch für die Menschen»

Nico Conzett, 5. November 2021, 10:32 Uhr
Ein stark verbreitetes Ersatzprodukt für Heroin-Süchtige ist derzeit knapp. Das sorgt, besonders im Hinblick auf die Winterzeit, für schwierige Situationen für jene, die auf das Medikament angewiesen sind – allein in der Stadt St.Gallen sind etwa hundert Personen betroffen. Gründe für den Engpass gibt es mehrere – unter anderem die Pandemie.
Wichtig für die Betroffenen: Die kontrollierte Abgabe von Heroin-Ersatzprodukten.
© Keystone

Das Prinzip ist einfach erklärt und die Schweiz fährt eigentlich gut mit ihrer Strategie: Heroinsüchtige bekommen in einer Drogenabgabestelle eine kontrollierte Menge an Heroin oder an einem Ersatzprodukt, welches nicht berauschend wirkt. So kann das Bedürfnis der Süchtigen nach Stoff kontrolliert befriedigt werden.

«Massive Lieferengpässe» 

Die Schweiz wagte als erste Nation überhaupt den Schritt der kontrollierten Abgabe vor knapp 30 Jahren als Reaktion auf die ausufernde offene Zürcher Drogenszene. Die Massnahme zeigte Wirkung, die offenen Drogenszenen, welche Elendsbilder en masse produzierten, gehören seither der Vergangenheit an.

Und trotzdem: Die Süchtigen gibt es nach wie vor, auch wenn sie nicht mehr sichtbar sind. Und jetzt kämpft die Schweizer Kontrollstrategie mit einem massiven Problem: Das Ersatz-Medikament «Sevre Long» ist derzeit nur schwer lieferbar. «Wir müssen praktisch täglich einen unglaublich hohen Aufwand leisten, um den Menschen, die bei uns in Behandlung sind, die Medikamente zur Verfügung stellen zu können», sagt Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe in St.Gallen. Sie spricht von «massiven Lieferengpässen» aktuell.

Ärzte können Bestellaufwand nicht leisten

Zwar sei es aufgrund des geleisteten Aufwands aktuell noch möglich, zumindest die Personen zu versorgen, welche direkt bei der Stiftung in Behandlung sind. Jene, die die Medikamente aber bei einem Hausarzt oder einer Apotheke beziehen, hätten massive Probleme bei der Beschaffung, weil beispielsweise ein Hausarzt den grossen zeitlichen Aufwand für die Bestellungen nicht leisten könne.

Dass inbesondere «Sevre Long» knapp ist, dramatisiert die Situation zusätzlich. «Dieses Medikament wirkt sehr gut. Viele Menschen fahren gut mit diesem Stoff und sind darauf eingestellt», sagt Rust. Würden diese nun keinen Zugriff darauf mehr haben, stelle dies ein beträchtliches Problem dar.

Ultimatives Negativszenario: Süchtige steigen wieder auf illegale Drogen um

Denn Alternativmedikamente sind ebenfalls rar und zudem teurer. Hinzu kommt, dass die Suche nach der optimalen Dosierung schwierig ist und Zeit erfordert. Somit stellt der Wechsel auf ein anderes Produkt aufgrund auftretender Entzugserscheinungen eine schmerzhafte physische Belastung dar. So komme es vor, dass das ultimative Negativszenario eintrete: Süchtige steigen wieder auf illegalen Stoff um.

Jahreszeit verschärft Situation zusätzlich

Doch auch in psychischer Hinsicht ist die Situation für die Betroffenen belastend. Dies besonders, weil die aktuelle Jahreszeit ohnehin schwieriger ist als sonst. «Das Gefühl von Einsamkeit nimmt zu, um die Weihnachtszeit spüren viele, dass die Familienstrukturen halt doch nicht so gut sind», so Rust. Komme die Gewissheit hinzu, dass das Medikament, welches eine gewisse Sicherheit und Stabilität vermittelt, nicht mehr verfügbar ist, sei das eine psychische Extrembelastung für einen Süchtigen. «Diese Kombination ist die schlechteste, die eintreffen kann.»

Alleine in der Stadt St.Gallen sind etwa hundert Personen auf «Sevre Long» angewiesen, auf den Kanton bezogen schätzt Rust die Zahl auf etwa 300 bis 400 Personen.

Wieso gibt es Engpässe?

Lieferengpässe beim Medikament seien bereits früher vorgekommen. Allerdings waren diese nie so extrem wie aktuell, so Rust. Problematisch ist insbesondere, dass das Medikament nur von einer Firma produziert wird. Eine Rolle spielen aktuell auch pandemiebedingte Logistikprobleme und veränderte Lieferketten, zudem sei die Schweiz ein relativ kleiner Absatzmarkt, welcher kaum Priorität geniesst. Wo es sonst noch überall hapere, sei schwierig zu eruieren.

Fakt ist, dass das Medikament in der Schweiz knapp ist und die Betroffenen vor belastende Situationen stellt. Insbesondere in den kommenden Wintermonaten.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 5. November 2021 10:32
aktualisiert: 5. November 2021 10:32
Anzeige