Schweiz

Hilft Technik gegen Wolfsrisse? Alptracker geht in die zweite Testphase

Krisztina Scherrer, 14. Januar 2021, 11:17 Uhr
Der Alptracker hilft dem Bauern zur Lokalisierung seiner Tiere. Bald soll er auch im Kampf gegen den Wolf zum Einsatz kommen. Hirte, Herdenhunde oder Elektrozäune ersetzen, wird der Alptracker aber nie. Da sind sich Entwickler wie Bauern einig.

Eine abgelegene Weide und mehrere Tiere, auf die man aufpassen muss: Eine Alp bedeutet für die Hirtin oder den Hirten viel Arbeit, denn es lauern überall Gefahren für die Herde, wie Raubtiere, die auf ihren Streifzügen sind. Lisbeth Luchsinger lebt im Kanton Glarus. Seit vier Jahren bewirtschaftet sie in den Sommermonaten mit ihren drei Alpakas, zwei Lamas, sechs Ziegen und 30 Schafen die 27 Hektar grosse Alp Tros in Obstalden. Bei der Arbeit als Schafhirtin wird sie von ihren vier Hirtenhunden unterstützt. Zusätzlich schützen ein Zaun und Alptracker die Tiere.

Der Alptracker ist ein Sender, der den Tieren wie eine Art Halsband umgelegt wird. Über lokale Antennen kann der Bauer oder die Bäuerin auf einer App oder dem Computer den Standort des Viehs überprüfen.

40 Sender hat Luchsinger zur Verfügung, die ihr schon bei manch einer Suchaktion geholfen haben. «Bei der Suche im Nebel zum Beispiel», sagt sie gegenüber FM1Today. Auch schon hat ihr der Tracker geholfen, Schwachstellen im Zaun zu erkennen: «Meine Schafe waren immer ausserhalb des Zauns, dieser war aber nirgends defekt. Ich habe dank der Alptracker gemerkt, dass die Tiere das Gehege über eine natürliche Grenze – das kann ein erhöhtes Geländer oder Gestrüpp sein – verliessen. mit dieser Information konnte ich dann den Zaun erweitern.»

Der Alptracker ist vor allem für Tiere auf abgelegenen Weiden gedacht. Deshalb wird die Verbindung zwischen dem Sender und der App mit Antennen sichergestellt. «Wir nutzen das Swisscom-Netz und ergänzen es im alpinen Gebiet mit unserem eigenen Funknetz», sagt Stefan Aschwanden, CEO Alptracker AG, gegenüber FM1Today. Manche Kantone finanzieren diese Antennen zum Teil mit. In der Ostschweiz sind das die Kantone Graubünden und Glarus. Für die Sender müssen die Landwirte selber aufkommen. Für sechs Monate bezahlt man für fünf Sender 120 Franken.

Herdentiere lokalisieren, dies ist der Grundgedanke des Alptrackers. Gerade dort, wo Tiere nicht eingezäunt sind oder es keine Hirten gibt, soll das Gadget zum Einsatz kommen. Das funktioniert seit drei Jahren auch gut. Doch der Alptracker soll mehr können, als «nur» Tiere lokalisieren.

Alptracker als Warnsystem vor Wildtieren

Die landwirtschaftliche Beratungszentrale Agridea und die Alptracker AG sind zurzeit dabei, eine neue Funktion in das System zu integrieren. Eine Art Warnsystem, das den Schutz der Tiere verbessern soll. Der Schutz vor Raubtieren, die für Panik in der Herde sorgen.

«Panik bedeutet, die Schafe laufen davon», sagt Daniel Mettler von der Agridea. Wenn bei den Schafen Panik aufkommt, gibt das eine starke Bewegung in die Herde. Der Alptracker zeichnet dann auf, wie sich die Schafe bewegen, misst ihre Beschleunigung und löst auf der App einen Alarm aus. Raubtiere sollen unter anderem auch mittels Lichtblitzen und aufgenommenen akustischen Signalen aus dem Trackergerät abgeschreckt und vorerst in die Flucht geschlagen werden. «Diese Funktionen testen wir momentan.»

Die Testphase dauert zwei Jahre. Ein Jahr ist bereits um. «Vergangenes Jahr gab es Probleme mit der Software», so Mettler. Die Software habe sich einfach verabschiedet, doch den Fehler habe man gefunden. Für dieses Jahr wurde das System so eingestellt, dass die Vergrämungsmassnahmen immer ausgelöst werden, bisher geschah dies nur zufällig. «Die Software ist nun stabil und wurde auch schon an zwei, drei Kunden ausgeliefert», ergänzt Aschwanden.

Der Alptracker sei trotzdem nur eine Unterstützung zur Kontrolle der Tiere, so Mettler. «Selbst wenn die Vergrämung oder der Alarm vor Ort gut funktionieren, wir wissen, dass sich Wölfe rasch an solche Vergrämungsmassnahmen gewöhnen.» Bei den Luchsen sei es ähnlich und beim Bären hätten diese Massnahmen praktisch keine Wirkung.

Ein System mit vielen Zusatznutzen

Ab nächstem Sommer sollen die Hirten auch ihre Zäune über den Alptracker überwachen können. «Wenn die Spannung zu niedrig oder die Zäune nicht gut genug gemacht sind, kann es sein, dass der Wolf einfach auf die Weide kommt», so Stefan Aschwanden. Der Hirt soll via Tracker Bescheid bekommen, wenn es auf dem Zaun zu wenig Strom hat oder er defekt ist.

Der Alptracker ist ein System mit vielen Zusatznutzen. Es hilft dem Bauern, seine Tiere schneller zu entdecken, es kann schneller nachgewiesen werden, wenn etwas passiert und was passiert ist. «Man kann zum Beispiel frühzeitig feststellen, ob ein Tier verletzt ist», sagt Aschwanden. Ob die Alptracker erfolgreich eingesetzt werden können, wird sich noch zeigen. Diesen Sommer sollen die neuen Funktionen getestet werden. «Wenn sich die Tracker bewähren, ist das eine gute Sache», sagt Lisbeth Luchsinger.

Ein hundertprozentiger Schutz vor Wölfen, Luchsen oder Bären wird der Alptracker aber nie sein. «Dafür brauchen wir die klassischen Massnahmen wie Hunde, Zäune oder Hirten», so Mettler. Auch Lisbeth Luchsinger schützt ihre Tiere mit einem verstärkten Zaun und den Hunden. «Man kann sich nicht nur auf die Tracker verlassen. Für einen ganzheitlichen Schutz braucht es das Gesamtpaket», sagt sie.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 17. Januar 2021 06:38
aktualisiert: 14. Januar 2021 11:17