«Ich bin gerne der Unterhösler»

Laurien Gschwend, 8. November 2016, 15:14 Uhr
Weil in Diepoldsau früher alle die gleichen Nachnamen hatten, gaben sie sich selber Übernamen. Herbert Markovits hat sie alle gesammelt - und in alphabetischer Reihenfolge in ein Büchlein gepackt.

Benedikt Frei ist der Geschäftsleiter von Wäsche Frei in Diepoldsau - und im Dorf bekannt als «Unterhösler» der dritten Generation. «Richtig aufgefallen ist mir das erst im Kindergarten, als mich meine Lehrerin so genannt hat.» Für ihn sei es immer normal gewesen, der «Unterhösler» zu sein, «denn meine Familie hatte eine Wäschefabrik». Im Jahr 1951 hatten seine Grosseltern diese gegründet.

«Für mich ist es perfekt»

Sei der 30-Jährige in St.Gallen im Ausgang, werde er zwar schon schräg angeschaut, wenn ihn seine Kollegen mit «Unterhösler» ansprechen. «Wenn ich dann aber erkläre, wieso sie mich so nennen, finden es alle schön, dass wir das so machen.» Nicht nur den Diepoldsauern sei der aussergewöhnliche Spitzname bekannt. Frage man ihn in St.Margrethen, zu wem er gehöre, und antworte er dann mit Unterhösler, sei das vielen ein Begriff. «Für mich ist es perfekt», freut sich Benedikt Frei über die langjährige Tradition. Er gebe sie gerne an nächste Generationen weiter.

Alle Altersgruppen und Schichten befragt

Die «Unterhösler» sind eine von 300 Familien, die in der Sammlung von Herbert Markovits vorkommen. «Ich finde es wichtig, dass diese kulturellen Werte erhalten bleiben», sagt der Rheintaler. Mit seiner Familie ist er in der sechsten Klasse zwar nach Montlingen gezogen, in Diepoldsau hat er aber noch viele Schulfreunde. Um möglichst keinen Spitznamen zu vergessen, hatte er fleissige Helfer. «Sie gingen Telefonbücher und Klassenlisten durch, befragten Leute aus allen Altersgruppen und Schichten», erklärt der 66-Jährige das Vorgehen.

Viele positive Reaktionen

Anfang Mai startete der ehemalige Sekundarlehrer sein Projekt. «Ich habe mich schon immer für Geschichtliches und kulturelle Besonderheiten in den Rheintaler Dörfern interessiert.» Seit einigen Tagen liegt sein Büchlein «Familien-Zusatznamen aus Diepoldsau-Schmitter» bei der Gemeinde, der Kantonalbank und einem Kaffee auf. «Alle freuen sich sehr darüber. Ich habe schon viele Briefe von Jahrgängern erhalten.»

«Ein heisses Eisen»

Paul Hutter war während 30 Jahren Briefträger der Gemeinde Diepoldsau. «Es gab so viele Hutter, Kuster und Weder. Ohne Übernamen hätten wir die Briefe nicht zuordnen können.» Das Prinzip mit den Sippennamen, wie man sie früher nannte, sei aber nicht bei allen gut angekommen. «Es war ein heisses Eisen. Manche Leute wurden hässig, wenn man ihren Übernamen auf einen Brief schrieb.» Zum Glück habe er die Post nur abgeliefert, «statt die Reaktion mitzubekommen, wenn die Diepoldsauer ihre Briefe öffneten».

In kritischen Fällen um Zustimmung gefragt

Dass einige Spitznamen fies sind, weiss auch Herbert Markovits. «Deshalb habe ich in kritischen Fällen bei den Betroffenen nachgefragt, ob sie in meine Sammlung aufgenommen werden möchten.» Allerdings seien nur sehr wenige Diepoldsauer dagegen gewesen. Die Familie von «Buurli» habe auf eine Veröffentlichung bestanden. «Dies, obwohl sie nach einem kleinen Bauern benannt wurden - das trifft heute aufgrund ihrer Schaffenskraft und Innovationen überhaupt nicht mehr zu», sagt Markovits.

«Junge möchten zum Kulturgut gehören»

Die Familien benannte man früher nach einer besonderen Eigenschaft oder ihrem Beruf. Markovits' Mutter gehörte beispielsweise zu «Zieglers». Andere wurden nach ihren Beziehungskompetenzen benannt. «Die Braut von Toni sagte früher, dieser könne besonders gut 'schmuusen', die Nachkommen sind für uns immer noch die 'Schmuuser-Tonis'», erzählt der Autor. Die Familie wollte ebenfalls in der Übernamen-Chronik vorkommen, «denn auch die Jungen möchten zum Kulturgut gehören».

Übernamen immer noch «glatt»

«Heute wären grundsätzlich keine Übernamen mehr nötig», findet Pöstler Hutter. Die Häuser seien besser nummeriert, und die Post komme oftmals bereits sortiert aus St.Gallen ins Rheintal. Der Briefträger erinnert sich trotzdem gerne an die Zeit zurück, «und die Sippennamen gehören auch heute noch irgendwie dazu». Es sei immer «glatt», gleichaltrige Freunde mit ihren Übernamen anzusprechen.

«Gmoandli» möchte Übernamen für Nachwelt erhalten

Auch Gemeindepräsident Roland Wälter ist der Meinung, die Tradition solle man unbedingt weiterführen. «Es ist wichtig, dass die Sippennamen auch für die Nachwelt erhalten bleiben.» Er selber werde gerne «Gmoandli» genannt. «Wenn ich mich mit älteren Menschen unterhalte, dann erwähnen sie oft Übernamen.» Komme man nicht aus Diepoldsau, sei es ziemlich schwierig, die Person einzureihen und abzuschätzen, zu welcher Familie sie gehöre.

Nicht nur in Diepoldsau, auch in anderen Rheintaler Gemeinden und in Appenzell sind Übernamen ein Phänomen. Welchen Zweitnamen trägt deine Familie? 

Hier findest du die Zusatznamen-Broschüre als PDF.

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 8. November 2016 05:40
aktualisiert: 8. November 2016 15:14