«Ich will Gleichberechtigung statt Rabatte»

Stefanie Rohner, 8. März 2019, 20:55 Uhr
Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligen sich hunderttausende Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen. (Archivbild)
Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligen sich hunderttausende Frauen landesweit an Streik- und Protestaktionen. (Archivbild)
© Keystone/Walter Bieri
Internationaler Frauentag oder Frauenkampftag: Jedes Jahr am 8. März werden an diesem Tag Frauenrechte thematisiert. Firmen nutzen ihn vermehrt zu Werbezwecken – das sorgt für Kritik.

«Wenn Frau will, steht alles still», war der Slogan des Frauenstreiks am 14. Juni 1991. Grund für den Streik war das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau». Die zögerliche Umsetzung sorgte für Unmut, weswegen sich eine halbe Million Frauen am Streik beteiligten.

Am 14. Juni dieses Jahres soll es erneut einen Frauenstreik geben. Hunderte von Frauen sind bereits aktiv in der Vorbereitung. Die Forderungen sind konkret, auf der Webseite der «Gewerkschaft im Service Public» sind sie aufgelistet.

Entpolitisierung durch Firmen

Dass die Gleichstellungsforderungen nötig sind, zeigt sich in vielen Bereichen der Gesellschaft. Firmen nutzen den internationalen Frauentag aber immer mehr für Werbung und PR. Fleurop beispielsweise bietet einen Strauss zum Tag der Frau an mit der Beschreibung: «Als Gott die Frau schuf, soll er gelächelt haben, heisst es. Geben Sie ein Lächeln mit diesen Blumen weiter... an eine sympathische, starke, kluge, liebenswerte Frau!»

Ein Strauss zum Tag der Frau - damit wirbt Fleurop. (Bild: Printscreen/Fleurop)
Ein Strauss zum Tag der Frau - damit wirbt Fleurop. (Bild: Printscreen/Fleurop)
© Printscreen

Orell Füssli wirbt mit «Wir feiern die Frauen» und 20 Prozent Rabatt auf (fast) alles und veranstaltet die «Nacht der Frauen» mit Traumfänger-Basteln, Schmuck-Gestalten und Schminktipps.

«Frauen sollen ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur Verfügung haben. Und wenn sie Lust haben, sich zu schminken, dann sollen sie das tun. Ich denke nicht, dass man Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, ein Bild aufdrücken soll, was sie tun dürfen und was nicht», sagt Christine Flitner, Zentralsekretärin beim Verband der öffentlichen Dienste VPOD in Zürich.

«Am Ziel des Frauentags vorbei»

Sie sagt aber, wenn man die Frauen ausschliesslich darauf reduziere, dass sie basteln, sich um ihr Aussehen bemühen oder den Haushalt machen, gehe dies völlig am eigentlichen Ziel des internationalen Frauentags vorbei.

Eigentlich wirbt so ziemlich jeder mit Rabatten zum Frauentag: Parfümerien, Modegeschäfte, Floristen. Auf einer Webseite für Rabattcodes heisst es: «Am 8. März wird der internationale Frauentag gefeiert - eine Gelegenheit, die wichtigsten Frauen deines Lebens zu beschenken.» Twitter-Userinnen können wegen der Kommerzialisierung des Weltfrauentags «nur mit den Augen rollen», wie sie unter anderem schreiben. Sie wünschen sich Gleichberechtigung statt Rabatte:

Rabatte vs. politischer Diskurs

Die Kommerzialisierung des Feminismus ist nicht neu - die Modeindustrie bietet beispielsweise Shirts mit feministischen Sprüchen an. «Grundsätzlich wundert es mich nicht, dass Firmen alles nutzen, um ihre Umsätze zu steigern. Dass das am Frauentag zunimmt, kann man aber auch als ein gutes Zeichen sehen», sagt Flitner. «Man könnte es auch so interpretieren, dass Feminismus und der Kampf für Frauenrechte inzwischen offenbar etwas sind, das Firmen nutzen, weil sie merken, dass Frauen dadurch abgeholt werden.»

Es kann der Sache dienen

Die Aktivistin sagt zudem, dass sie nicht glaubt, dass Firmen Frauen soweit beeinflussen können, wie stark sie sich für ihre Rechte einsetzen oder nicht. «Die feministischsten Werbefilme werden oftmals durch internationale Konzerne in die Welt gesetzt. Da gibt es sehr interessante Sachen», sagt Flitner.

Ein Beispiel ist dieser Werbespot: 

«Gerade internationale Firmen haben gemerkt, dass sie mit alten Frauenbildern nicht weit kommen. Sie wissen, Frauen wollen sich nicht mehr als ‹Huschelis› ansprechen lassen», sagt sie. Das sei immerhin ein Fortschritt, auch wenn politisches Bewusstsein für die Durchsetzung von Frauenrechten «sicher nicht durch Werbung und Konsumentscheidungen entsteht».

Stefanie Rohner
veröffentlicht: 8. März 2019 20:55
aktualisiert: 8. März 2019 20:55