Fehlende Arbeitskräfte

IHK-Chefökonom: «Die Babyboomer-Pensionierungswelle wird die Lücke grösser machen»

16. September 2022, 20:10 Uhr
Offene Stellen zu besetzen, ist momentan nicht leicht. Das spüren auch die Arbeitgeber in unterschiedlichen Branchen. Schuld daran hat die Corona-Pandemie – aber nicht nur.

Quelle: TVO

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Die St.Galler Gastronomie ächzt unter dem Personalmangel. Die Betreiber müssen auf Selbstbedienung setzen oder teilweise gar schliessen. Doch nicht nur die Gastro-Branche und der Gesundheitssektor sind betroffen, auch im Dienstleistungsbereich fehlt es bei über der Hälfte der Betriebe an Personal. Der Mangel ist flächendeckend – auch nach der Corona-Pandemie.

Diese Lage sei aussergewöhnlich, findet Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell. «Grundsätzlich hatten wir nach der Aufhebung der Coronamassnahmen eine starke, aussergewöhnliche wirtschaftliche Erholung», erläutert Sgro gegenüber TVO. Dadurch sei der Bedarf an Fach- und Arbeitskräften sehr hoch gewesen. Vorhanden sind diese aber nicht.

Personal orientiert sich neu – oder geht nach Hause

Beispielsweise in der Gastronomie, die besonders unter den Massnahmen gelitten hat. Dort hätten sich teilweise Arbeitnehmende neu orientiert und die Branche gewechselt, erklärt Sgro weiter. Zudem hätten auch einige den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt oder sind zurück in ihre Ursprungsländer.

So locke beispielsweise Portugal seine Abwandernden mit Steuergeschenken zurück. Davon betroffen ist vor allem die Bau-Branche. Und: Jene die gehen, gehen meist nicht allein. «Zogen die Eltern zurück in die Heimat, gingen zum Teil auch die erwerbstätigen Kinder wieder zurück», führt Sgro aus. Als Grund nennt er beispielsweise die Kinderbetreuung durch die Grosseltern, welche dann nicht mehr verfügbar war.

Anrollende Pensionierungswelle

Und genau diese Generation wäre laut Sgro enorm wichtig, um die nächste Belastung des Arbeitsmarktes aufzufangen: «Die Pensionierungswelle der Babyboomer wird in den nächsten Jahren auf uns zu rollen. Da wird es zu einer grossen Lücke am Arbeitsmarkt kommen.»

Die Situation dürfte weiterhin angespannt bleiben. Verschiedene Betriebe setzen darum jetzt auf Lohnerhöhungen und Vermittlungsprämien. Ob sich damit die Lücken schliessen lassen, wird sich zeigen.

(red.)

Quelle: TVO
veröffentlicht: 16. September 2022 20:19
aktualisiert: 16. September 2022 20:19