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Kinder sind bei Gewaltfällen oft zu Hause

Fabienne Engbers, 28. März 2019, 12:06 Uhr
Häusliche Gewalt wird nicht nur zwischen Paaren ausgetragen – oft sind auch Kinder und Jugendliche dabei. Im Rahmen eines Projektes zur Häuslichen Gewalt wurden Daten bei betroffenen Familien gesammelt. Bei fast 500 Einsätzen waren im Kanton St.Gallen Kinder und Jugendliche anwesend.
Auch wenn sich Häusliche Gewalt zwischen den Eltern abspielt, die Kinder sind mehr als nur unbeteiligte Zuschauer. (Symbolbild)
© istock

Mehr als 1000 Mal im Jahr rückt die Kantonspolizei St.Gallen wegen tätlichen Konflikten, Streiteskalationen oder Häuslicher Gewalt aus. Bei fast der Hälfte der Einsätze im Jahr 2018, genau bei 481 Einsätzen, waren eines oder mehrere Kinder anwesend. Das Projekt «Häusliche Gewalt und die Kinder mittendrin» hat dieses Jahr zum ersten Mal erfasst und ausgewertet, wie viele Kinder und Jugendliche durch diese Einsätze involviert sind.

Kinder und Jugendliche in jedem Alter

Gesamthaft waren 658 Kinder und Jugendliche bei Einsätzen zu häuslicher Gewalt anwesend. Das Alter der Kinder und Jugendlichen scheint dabei stark zu variieren, 145 der bei Gewalttaten anwesenden Kinder waren unter vier Jahre alt, auch in den restlichen Altersstufen sind die Zahlen vergleichbar. Die meisten der Betroffenen waren zwischen 15 und 18 Jahre alt, 165 der Jugendlichen fallen in diese Kategorie.

«Wir haben erst angenommen, dass mehr kleine Kinder betroffen sind, da vor allem Mütter mit Babys und Kleinkindern das Frauenhaus aufsuchen», sagt Miriam Reber, Leiterin der Koordinationsstelle «Häusliche Gewalt» im Sicherheits- und Justizdepartement. «Deshalb haben wir uns überlegt, ob Familien stärker betroffen sind, wenn kleine Kinder involviert sind, oder ob es tatsächlich mehr Fälle bei Familien mit Kindern in diesem Alter gibt.» Die Auswertung der Zahlen hat nun gezeigt, dass das Alter der Kinder keine Auswirkung auf die Häufigkeit von Häuslicher Gewalt hat.

«Kinder hören Schreie und spüren Schläge»

Bei Einsätzen wegen Häuslicher Gewalt sind die Eltern nicht zwingend noch verheiratet oder zusammen, oft sind die Paare bereits getrennt. Dann wird die Polizei vermehrt wegen Drohungen oder Stalkings gerufen.

Die eskalierten Streitereien werden oft vor den Kindern und Jugendlichen ausgetragen, sie sind vor allem Zuschauer. «Man hat in diesen Fällen oft das Gefühl, dass die Kinder nicht betroffen sind», sagt Miriam Reber. Hier ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass auch das Zuschauen bei Gewalttaten zwischen Vater und Mutter starke Auswirkungen auf ein Kind hat. «Das Kind schaut nicht einfach nur zu, es hört Schreie und sieht Schläge.» Oft ist es dann auch das Kind, das versucht, dazwischen zu gehen oder die Polizei ruft. «Die Kinder und Jugendlichen sind also sehr stark betroffen und hier gilt es, Aufmerksamkeit zu schaffen.»

Nur in einer Minderheit der Fälle werden die Kinder und Jugendlichen tätlich gegenüber ihren Eltern oder die Eltern und Grosseltern greifen ihre Kinder an. Auch gewalttätige Streitereien zwischen Jugendlichen oder Geschwistern, die einen Polizeieinsatz nach sich ziehen, sind selten.

Projekt zu Häuslicher Gewalt will Kinder unterstützen

Im Laufe des Projekts «Häusliche Gewalt und die Kinder mittendrin» wird geprüft, welche Unterstützung Kinder und Jugendliche bereits erhalten haben. «Wir schauen, wo es Unterstützungsangebote für die Kinder gibt, die in Familien aufwachsen, wo es Gewalt in der Elternbeziehung gibt», sagt Miriam Reber. Dabei sollen auch Lücken ausfindig gemacht werden, wo Betreuung fehlt. Zudem wird ein Handbuch für Fachpersonen erarbeitet, das erklären soll, wie man mit betroffenen Kindern richtig umgeht.

Die evaluierten Zahlen haben dabei nur bedingt neue Handlungsfelder aufgezeigt. «Aber sie sagen uns, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden und verdeutlichen das Phänomen und den Handlungsbedarf.»

Fabienne Engbers
Quelle: enf
veröffentlicht: 28. März 2019 12:06
aktualisiert: 28. März 2019 12:06