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RS-Virus

«Kinderspitäler könnten an Kapazitätsgrenzen kommen»

Dario Brazerol, 6. Oktober 2021, 08:41 Uhr
200 Kinder mussten in diesem Jahr im Ostschweizer Kinderspital wegen des RS-Virus, einer Atemwegsinfektion, behandelt werden. Das Virus, welches vor allem für Kleinkinder mit zusätzlichen Risiken gefährlich werden kann, zirkuliert in diesem Jahr früher als in anderen Jahren.
Das RS-Virus führt zu Atemwegsproblemen bei Kleinkindern. (Symbolbild)
© GettyImages

Rund 100 Kinder wurden seit Mai im Thurgauer Kinderspital wegen des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), einer Atemwegsinfektion, behandelt (FM1Today berichtete). Das Virus betrifft vor allem Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr schwer. Besonders in den ersten Lebensmonaten und bei zusätzlichen Risiken wie Herzfehlern können schwere Verläufe auftreten und die Kinder müssen auf der Intensivstation beatmet werden. In der Schweiz kommt es infolge des RS-Virus jährlich zu rund 1000 Spitaleinweisungen – weil Säuglinge und Kleinkinder unter Atemnot leiden und nicht genügend Nahrung und Flüssigkeit aufnehmen können.

In diesem Jahr schon 200 Kinder in Behandlung

Nicht nur im Thurgau, auch im Ostschweizer Kinderspital in St.Gallen mussten in diesem Jahr bereits 200 Kinder wegen des RSV behandelt werden. Aussergewöhnlicher sei jedoch nicht die Anzahl, sondern der Zeitpunkt, sagt Christian Kahlert, Leitender Arzt in der Infektiologie und Spitalhygiene am Ostschweizer Kinderspital: «Wir hatten noch nie im Sommer eine Häufung von Kindern mit RSV-Infektionen.» Aktuell sind im Ostschweizer Kinderspital sechs Kinder in Behandlung wegen des Virus.

Um einen Vergleich mit dem Vorjahr zu ziehen, sei es noch zu früh. «Wir müssen den Dezember abwarten, um das zu beantworten. Sehr wahrscheinlich werden wir aber über den Zahlen der vergangenen Jahre liegen», sagt Kahlert. Es gebe jedes Jahr von Oktober bis April viele RSV-Infektionen. Im letzten Jahr seien diese – wie auch die Grippe-Infektionen – allerdings praktisch ausgefallen. Dies liege wahrscheinlich an den Coronamassnahmen, welche die Zirkulation von Viren reduziert haben. «Damit wurde auch das ‹Training› des Immunsystems im Umgang mit diesen Viren gemindert. Jetzt, nach Reduktion der Schutzmassnahmen, zirkulieren diese Viren wieder vermehrt und führen zu Infekten bei den Erwachsenen aber auch bei kleinen Kindern.»

Wird sich die Lage verschärfen?

Doch wie besorgniserregend schätzt man im Ostschweizer Kinderspital die aktuelle Entwicklung mit dem RS-Virus ein? «Wenn sich die Lage verschärft, dann könnten durchaus auch in Kinderspitälern Kapazitätsgrenzen erreicht werden.» Ob es aber wirklich so weit kommt, könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, denn durch die Zirkulation des Virus werde auch das Immunsystem wieder trainiert. «Wir sind sehr gespannt, ob es bis in den Frühling eine Verschärfung oder nach sechs Monaten wieder eine Abflachung gibt.»

Mit verstärkten Hygienemassnahmen könnte man der Verbreitung des Virus entgegenwirken. «Es gibt ausserdem eine passive Impfung, die aber aufgrund hoher Kosten und eingeschränkter Wirksamkeit nur bei Kindern mit Risiken gezahlt wird.» Bei einer passiven Impfung werden dem Körper bereits fertige Antikörper gegen einen Krankheitserreger, in diesem Fall das RS-Virus, gespritzt. Somit ist das eigene Immunsystem nicht an der Immunisierung beteiligt.

Kantonsspital Graubünden spürt Verlagerung der RSV-Saison

Im Kantonsspital Graubünden spürt man keinen Anstieg der Fälle. Allerdings sei die RSV-Saison auch hier früher gestartet als in anderen Jahren, sagt Dajan Roman, Mediensprecher des Kantonsspitals Graubünden. Aktuell werden im Kantonsspital Graubünden wöchentlich rund zehn mit dem Virus infizierte Kinder behandelt. Dies sei aber ein abnormaler Wert für diese Jahreszeit. In einer herkömmlichen RSV-Saison würden erst in den Wintermonaten solche Zahlen verzeichnet werden.

Die Gründe für die vorgezogene RSV-Saison erklärt sich das Kantonsspital Graubünden ähnlich wie das Ostschweizer Kinderspital: «Wir gehen davon aus, dass das Virus aufgrund der Schutzmassnahmen im letzten Herbst und Winter gar nicht zirkulieren konnte», sagt Roman. Im Kantonsspital Graubünden geht man davon aus, dass die Zahl der Ansteckungen konstant bleiben und kein starker Anstieg in naher Zukunft folgen wird.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 6. Oktober 2021 07:10
aktualisiert: 6. Oktober 2021 08:41