Coronakrise

Marktfahrerin: «Es wird uns verboten zu arbeiten»

21. November 2020, 07:01 Uhr
Wegen der aktuellen Schutzmassnahmen werden Flohmärkte reihenweise abgesagt. (Symbolbild)
© Keystone
Keine Flohmärkte, keine Jahrmärkte und jetzt auch keine Weihnachtsmärkte: Für Marktfahrende bedeutet die Coronakrise eine Bedrohung ihrer Existenz. Eine Ostschweizer Marktfahrerin hält sich knapp über Wasser und ist masslos vom Bund enttäuscht.

«Dieses Jahr ist eine Katastrophe. Es wird mir verboten zu arbeiten, das finde ich eine kranke Gesellschaft.» Für P. Gantner, eine Marktfahrerin aus der Ostschweiz, ist das Jahr 2020 ein Albtraum. Seit 15 Jahren verdient sie das Geld, welches sie zum Leben braucht, als Marktfahrerin. Sie zieht durch die ganze Schweiz und ist an Wochenenden und auch unter der Woche an verschiedenen Märkten anzutreffen. Dieses Jahr nicht. «Von März bis Juli hätte ich jedes Wochenende einen Flohmarkt gehabt, das wurde alles abgesagt. Jetzt im Herbst ist es genauso schlimm, Weihnachtsmärke und Hallenflohmärkte werden wegen der aktuellen Massnahmen abgesagt.»

«Unsere Arbeit wird oft belächelt»

Die 50-Jährige will die Coronakrise dabei nicht kleinreden. «Die Gesundheit ist sicher wichtig, aber das Finanzielle ebenso. Bei uns geht es wirklich um die Existenz, das ist vielen nicht bewusst. Wir Marktfahrenden werden oft belächelt, viele schauen es nicht als richtige Arbeit an.»

Die Ostschweizerin verkauft an Flohmärkten allerlei Gebrauchtwaren, welche sie gratis oder für einen günstigen Preis erhält. Sie ist selbständigerwerbend, kann aber keinerlei fixe Einnahmen angeben, da diese extrem variieren. Von der AHV bekam sie bisher nur eine kleine Entschädigung. «Der Betrag ist lachhaft, davon kann ich nicht mal eine Telefonrechnung bezahlen», sagt sie im Interview mit FM1Today.

Virus fährt Land an die Wand

Viele Rechnungen schiebt sie seit Monaten vor sich hin, die Lebenskosten bezahlt sie mit Unterstützung der Familie, was für sie nicht selbstverständlich sei. Auch habe sie schon versucht, anderweitig eine Arbeit zu finden, jedoch erfolglos. Sie sei nicht die einzige, die um ihre Existenz bangt. «Es gibt viele Leute, denen es so geht wie mir. Marktfahrende und auch Antiquitätenhändler. Seit der Coronakrise fehlen auch denen die Kunden, denn die Leute sind sehr zurückhaltend und kaufen wenig.» Seit neuestem versucht Gantner ihre Ware über Online-Plattformen zu verkaufen, aber auch das bringe nur wenig Geld ein.

«Ich hoffe schwer, dass wir ab März wieder arbeiten können», sagt Gantner. «Ich streite nicht ab, dass es das Virus gibt. Aber deswegen kann man doch nicht ein ganzes Land an die Wand fahren und so viele Existenzen kaputtmachen. Das ist meine Meinung, ich akzeptiere auch die Meinung von anderen.» Eine Entschädigung vom Bund würde sie begrüssen – aktiv dafür kämpfen möchte sie aber nicht. «Da habe ich zu sehr Angst vor noch mehr negativen Konsequenzen.»

Märkte weiterhin erlaubt, aber nicht bewilligt

Es sind Ängste, die der Schweizer Marktverband seit der Coronakrise jeden Tag hört und sie sind berechtigt, wie Hiltrud Frei, Präsidentin der Sektion Ostschweiz, sagt: «80 Prozent unserer Marktfahrenden im Verband leben von ihrer Arbeit, es sind alle am kämpfen.» Die bisherigen Entschädigungen haben gemäss Frei gerade die minimale Existenz gesichert, die laufenden Kosten könnten davon nicht bezahlt werden.

Zu betonen ist, dass Märkte vom Bund weiterhin erlaubt sind, dies aber nicht viel nützt: «Das Problem ist nicht der Bund, sondern die Gemeinden. Vom Bund aus sind Märkte weiterhin erlaubt, aber die Gemeinden bewilligen sie nicht.» Hiltrud Frei beteuert, dass der Schweizer Marktverband die getroffenen Massnahmen unterstütze und die Schutzkonzepte eingehalten werden sollen. «Schliesslich wollen wir weiterhin Märkte veranstalten können.» Der Verband ist in ständigem Gespräch mit der Politik und sucht nach einer Lösung für die existenzbedrohten Marktfahrerinnen und Marktfahrer.

Inzwischen dürfen Marktfahrerinnen etwas hoffen, der Bundesrat hat letzten Mittwoch zusätzliches Geld für Härtefälle gesprochen.

(sar)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. November 2020 06:51
aktualisiert: 21. November 2020 07:01