Mehr Störche überwintern in der Ostschweiz

Stephanie Martina, 20. November 2017, 09:03 Uhr
Immer mehr Störche fliegen im Herbst nicht mehr Richtung Süden, sondern überwintern in der Ostschweiz. Ein Storch-Experte erklärt, warum die Vögel auf den beschwerlichen Weg südwärts verzichten und ihnen der Winter nichts anhaben kann.

Immer mehr Störche verbringen die kalten Wintermonate in der Schweiz, statt im warmen Süden. Daniel Schedler, Regionsleiter Ostschweiz der Gesellschaft Storch Schweiz, weiss warum. Die Erklärung beginnt nach dem zweiten Weltkrieg. Damals habe es in der Schweiz keine Störche mehr gegeben, weshalb Jungstörche in den 50er-Jahren aus Algerien geholt und in der Schweiz aufgezogen worden seien. Als diese Störche etwa dreijährig gewesen sind, hat man sie aus der Voliere gelassen. Es seien Pärchen entstanden, die wiederum Nachwuchs gezeugt haben.

«Weil Störche immer wieder an den Ort ihrer Geburt zurückkehren, überwintern die Störche des Wiederansiedlungsprojektes in der Schweiz», erklärt Schedler. Auf viele Störche im Raum Frauenfeld und Weinfelden treffe dies zu: Diese Vögel würden aus dem Wiederansiedlungsprojekt stammen und hätten deshalb ihren natürlichen Zugtrieb verloren.

Immer mehr Störche bleiben im Thurgau

Dass immer mehr Störche auf die lange und beschwerliche Reise nach Süden verzichten, ist kein Ostschweizer Phänomen. Man verfolge diesen Trend schweizweit schon länger. «Im Kanton Thurgau haben wir im vergangenen Jahr die erste Winterzählung durchgeführt, um zu ermitteln, wie viele Störche im Winter hier bleiben. Es sind erstaunlich viele», sagt Schedler. Diese Zählungen werde man nun jedes Jahr durchführen. Schedler geht davon aus, dass die Zahl von Jahr zu Jahr steigen wird. Im Kanton Thurgau leben zehn Horstpaare. Je eines in Bürglen, Frauenfeld, Güttingen, Kesswil, Kradolf-Schönenberg, Müllheim, Pfyn, Sulgen und Wigoltingen sowie zwei Paare in Egnach-Salmsach.

Störche sind anspruchslose Esser

Schweizweit würden rund 40 Prozent der rund 450 Horst-Paare nicht nach Süden ziehen. Neben dem Wiederansiedlungsprojekt gibt es noch weitere Gründe dafür: Die Klimaverschiebung sei einer davon, sagt Schedler. Die milden Winter würden sogar Störche mit Zugtrieb davon abbringen, im Herbst nach Süden zu fliegen.

Auch wenn Störche im Winter für viele noch immer ein ungewohnter Anblick sind, braucht man sich um die Störche nicht zu sorgen, versichert Schedler. «Die Kälte macht den Störchen nichts aus. Kritisch wird es erst, wenn der Boden über mehrere Wochen gefroren ist und die Störche nichts zu fressen finden. Dann müssten wir Nahrung auslegen, aber das kommt inzwischen sehr selten vor.» Der Ornithologe rät grundsätzlich davon ab, Störche zu füttern. Sie würden sich problemlos selbst zu helfen wissen, da sie nicht heikel seien. «Störche sind Opportunisten und Überlebenskünstler.»

Storchen-Paare verbringen Winter getrennt

Dass Störche auch jetzt oft zu zweit anzutreffen sind, hat laut dem Vogelkundler einen einfachen Grund: «Störche sind einander ein Leben lang treu und gehen auch gemeinsam auf Futtersuche.» Allerdings könne auch sein, dass der eine Storch im Herbst nach Süden ziehe und der anderer auf dem Horst auf den wegziehenden warte. «In der Kartause Ittlingen oberhalb von Frauenfeld lebt ein solches Storchen-Paar. Dort hat der zurückgebliebene Storch den Horst regelrecht verteidigt, bis sein Partner im Frühling zurückkehrte.»

Stephanie Martina
Quelle: stm
veröffentlicht: 20. November 2017 09:03
aktualisiert: 20. November 2017 09:03
Anzeige