Gesinnungswechsel

Mit Kampfsport raus aus der Neo-Nazi-Szene

Marc Sieger, 10. Oktober 2019, 20:53 Uhr
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Quelle: TVO

Pascal Brändle war ein Neo-Nazi. Nach einem schweren Unfall ist er in die rechtsextreme Szene geraten. Dank dem Kampfsport fand er den Weg wieder hinaus.

Heute wirkt Pascal Brändle ruhig und bedacht - beinahe sanft. Die gewalttätige Vergangenheit merkt man ihm kaum an. Dabei war der 32-jährige Mosnanger jahrelang in der Neo-Nazi-Szenen und hat regelmässig anders denkende Leute verprügelt. 

«Mir wurde der Boden unter den Füssen weggezogen»

Aufgewachsen ist er in der kleinen St.Galler Gemeinde Mosnang. Dort absolvierte er eine Lehre als Metzger. In der Freizeit half er auf dem Hof der Grosseltern mit. Nach der Lehre gründete er eine eigene Firma und presste Heuballen. 2009 hatte er beim Holzhacken im Wald einen Unfall. Ein fallender Baum zertrümmerte das linke Bein. 

«Der Unfall hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen, mein Leben geriet komplett aus den Fugen». Pascal Brändle krempelt das Hosenbein hoch, während er erzählt. Ein Narbe zieht sich über die komplette linke Wade. Der Bruch war kompliziert. Die Ärzte operierten beinahe 50 mal und wollten das Bein sogar amputieren. «Ich hatte die ganze Zeit unglaubliche Schmerzen, trotzdem wollte ich wieder arbeiten und mit meinem Leben weitermachen», sagt Brändle. Die Verletzung liess das jedoch nicht zu. Seine Firma machte Konkurs, viele Freunde hätten sich deswegen von ihm abgewandt, erzählt der 32-Jährige. Daraufhin verfiel er in eine schwere Depression. 

«In dem ich Leute verprügelte konnte ich den Frust ablassen»

Halt fand Brändle in der rechtsextremen Szene. «Ich hatte so eine Wut in mir und in der Szene fand ich einen Weg meine Aggressionen freien lauf zu lassen, in dem ich andere Leute verprügelte.» Schlägereien hätten an der Tagesordnung gestanden. Pascal Brändle liess sich Hakenkreuze, Adolf Hitler und andere Nazi-Symbole tätowieren. Als wegen einer Prügelei das Gefängnis drohte habe er gemerkt, dass er aus der rechtsextremen Szene raus muss. «Mir ging es ohnehin schon schlecht, ich wollte mein Leben nicht mit Scheisse, die ich selbst machte komplett ruinieren.» 

«Training mit Ausländern ist kein Problem»

Einen neuen Lebensinhalt fand er beim MMA-Kämpfen (Mixed Martial Arts). In einem Gym in Schlieren trainiert er - zeitweise jeden Tag mehrere Stunden lang, obwohl er immer noch in der Nähe von Mosnang wohnt. 

«Beim Sport habe ich einen Weg gefunden mit meinen Aggressionen umzugehen und sie zu lenken und abzubauen». In Schlieren trainiert er mit vielen Leuten aus anderen Kulturen und Ländern - Leuten mit denen er sich früher auf der Strasse geprügelt hätte. «Das ist für mich überhaupt kein Problem. Ich denke nicht mehr so wie früher. Diese Leute trainieren mich und dafür bin ich sehr dankbar.» 

Nazis haben im Multikulti-Gym keinen Platz

Grösstenteils sei Brändles Vergangenheit auch kein Problem für seine Trainingspartner, erzählt Trainer Rafael Perlungher. Nur einer habe dem Gym den Rücken gekehrt, nachdem er von Brändles rechtsextremer Geschichte erfahren habe. 

«Pascal hat seine Vergangenheit hinter sich gelassen, davon bin ich hundertprozentig überzeugt», so Perlungher. «Wir sind hier eine richtiges Multikulti-Gym, da holt auch mal einer den Gebetsteppich raus während dem Training. Extremes Gedankengut hat hier keinen Platz.» 

«Ich will nur noch fair kämpfen»

Brändle hat sich dem Sport ganz und gar verschrieben. Und er hat Erfolg. Kürzlich wurde er im Fürstentum Liechtenstein Landesmeister, Ende November kämpft er um den Schweizermeistertitel. «Ich will nur noch fair kämpfen, im Ring wo der Gegner auch kämpfen will.» Die Nazi-Tattos hat er in der Zwischenzeit alle überstechen lassen. Das rechtsextreme Gedankengut habe er ganz und gar abgelegt. «Dafür lege ich die Hand gleich zweimal auf das Herz.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 10. Oktober 2019 20:53
aktualisiert: 10. Oktober 2019 20:53