St.Gallen

«Mut und Menschlichkeit» – zum 50. Todestag von Paul Grüninger

22. Februar 2022, 11:32 Uhr
Vor 50 Jahren starb der ehemalige St.Galler Polizeikommandant Paul Grüninger. Er rettete mehreren hundert Jüdinnen und Juden das Leben und wurde dafür von der Politik abgestraft und aus dem Dienst entlassen. Diese Woche werden ihm zu Ehren die «Paul Grüninger Tage» mit diversen Gedenkanlässen durchgeführt.
Portrait des St.Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger, 1971, der vor dem Zweiten Weltkrieg mehreren hundert österreichischen Juden und Jüdinnen das Leben rettete.
© Keystone Archiv

Paul Grüninger hatte Gerechtigkeit vor Recht gestellt, während die Schweiz ihre Grenze schon vor dem 2. Weltkrieg für jüdische Flüchtlinge abgeschottet hatte. Mehreren hundert Jüdinnen und Juden gewährte er den Grenzübertritt aus dem nationalsozialistischen Österreich in die Schweiz. «Der Name Paul Grüninger steht heute beispielhaft für Mut und Menschlichkeit», heisst es in der Ankündigung zu den Paul Grüninger Tagen.

Der ehemalige St.Galler Polizeikommandant gewichtete das Schicksal der Flüchtenden höher als die Grenzsperre, die der Bundesrat als Ausdruck seiner antisemitischen Flüchtlingspolitik erlassen hatte und wurde dafür 1939 von der St.Galler Regierung fristlos entlassen und gerichtlich verurteilt. Seine Pension wurde ihm aberkannt und er lebte fortan von Gelegenheitsarbeiten – geächtet und vergessen.

Erst im Jahr 1993 in der Schweiz rehabilitiert

Erst kurz vor seinem Tod wurde er 1971 vom Staat Israel als «Gerechter unter den Völkern» ausgezeichnet und mehr als 20 Jahre später, 1993, gegen den Widerstand der damaligen St.Galler Regierung politisch wie auch juristisch rehabilitiert.

Paul Grüningers Geschichte und der Umgang der Schweizer Politik mit ihm stand auch exemplarisch für die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg und bot Stoff für Filme und Bücher. 1997 erschien der Schweizer Dokumentarfilm «Grüningers Fall » von Richard Dindo, in dem jüdische Zeitzeugen zu Wort kamen und vom Schweizer Fernsehen mitfinanziert war.

Gedenkorte und Gedenkveranstaltungen für Grüninger

Wesentlich grössere Beachtung erhielt der Spielfilm «Akte Grüninger» aus dem Jahr 2014 mit Stefan Kurt in der Hauptrolle und Anatole Taubman in einer Nebenrolle.

Vom Fussballstadion bis zum Schulhaus erinnern heute zahlreiche Orte in der Region St.Gallen und rund um die Welt an seine historischen Taten. Seine Nachkommen haben eine Stiftung gegründet, die mit einem Preis Menschen würdigt, die heute im Sinne von Grüninger handeln. Die nächste Verleihung des Paul Grüninger Preises ist für 2023 vorgesehen.

Veranstaltungen zu Paul Grüningers Gedenken

Zwischen dem 22. und 24. Februar finden verschiedene Veranstaltungen in Kulturlokal PalaceKinok und der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen statt. Während der kommenden Wochen zeigt das Staatsarchiv des Kantons St.Gallen (Regierungsgebäude Nordflügel, UG) im Foyer eine kleine, allgemein zugängliche Ausstellung mit Originaldokumenten aus den eigenen Beständen. Diese thematisiert Grüningers Leben und Wirken sowie den langen Weg zu seiner Rehabilitierung. Mo-Fr 8-17, Sa-So 10-17.

(pd/agm)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 22. Februar 2022 07:11
aktualisiert: 22. Februar 2022 11:32
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