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Kuh-Bags

Plastik-Sammlung: Ein Grossteil wird verbrannt statt recycelt

Christoph Thurnherr, 9. Januar 2020, 08:57 Uhr
Die Ostschweizer sammeln wie wild Plastik. Hunderte Tonnen Plastikabfall kommen jedes Jahr aus Privathaushalten zusammen. Ein grosser Teil davon muss aber verbrannt werden. Warum der Kuh-Bag fast nichts bringt, aber trotzdem wichtig ist.
Seit 2015 kann der Kuh-Bag freiwillig gekauft werden.
© Andrea Stalder/St.Galler Tagblatt

Weisses, braunes, grünes Glas, Karton und Papier, Batterien, Pet, Dosen, Aluminium und seit einiger Zeit auch Plastik: Die Schweizer stehen auf Abfalltrennung. Seit der Einführung des Kuh-Bags (Kunststoff-Haushalt-Bag) im Jahr 2015 muss Plastik in der Ostschweiz nicht mehr zwingend mit dem normalen Hausmüll entsorgt werden.

Damit wird ein wachsendes Bedürfnis der Bevölkerung erfüllt: Jedes Jahr nimmt der aus Privathaushalten gesammelte Plastik um mehrere Tonnen zu. Aktuell sind es jährlich allein beim Kuh-Bag mehr als fünfhundert Tonnen.

Aber: Nur etwa die Hälfte des im Kuh-Bag gesammelten Plastiks kann recycelt werden. Der Rest wird in der Regel verbrannt oder zu Granulat für die Baubranche verarbeitet. Daraus machen die Kuh-Bag-Anbieter auch kein Geheimnis.

Pet ist viel besser

«Ein Stück Plastik, auf dem eine Papier-Etikette klebt, kann man fürs Recycling nicht brauchen», sagt Peter Steiner, Geschäftsführer der KVA (Kehrichtverbrennungsanlage) Thurgau, und widerspricht damit dem Versprechen vieler Anbieter, die eine fast vollständige Wiederverwertung des gesammelten Plastiks versprechen. 

Das ist jedoch illusorisch. Eine Wiederverwertungsrate von etwa 50 Prozent ist laut einer Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa realistischer. Frustrierend wenig, vor allem verglichen mit der Erfolgsgeschichte Pet. Dort liegt die Verwertungsquote bei mehr als 80 Prozent. 

Wie kann beim herkömmlichen Plastikabfall eine ähnliche Quote erreicht werden? Andere Verwertungsformen zu finden, scheint ausgeschlossen, zumindest im grossen Stil. Die Technik müsse den Weg weisen, sagt Steiner: «Moderne Trennungssysteme mit besseren Kameras werden auch bessere Resultate liefern. Es geht aber noch früher los: Verpackungen müssen so hergestellt werden, dass man sie auch recyceln kann.»

Eines von vielen Zahnrädern

Eine Million Tonnen Plastikabfälle produzieren die Schweizer laut Statistik des Bundesamts für Umwelt während eines Jahres. Mit dem Kuh-Bag und ähnlichen regionalen Lösungen werden wenigstens einige hundert Tonnen wieder recycelt. Dieser Anteil ist innerhalb der Schweiz schon sehr klein, ganz zu schweigen vom internationalen Vergleich.

Auch der ökologische Nutzen des Plastik-Recyclings ist beschränkt. Pro Jahr und Person kann damit die CO2-Menge einer Autofahrt von 30 Kilometern eingespart werden. 

Da sammeln die Schweizer mit Kuh-Bag und Co. wie verrückt – und am Ende bringt es fast gar nichts? Stimmt nicht, sagt Peter Steiner: «Das Recycling von Plastik braucht weniger Energie als die Herstellung. Und am Ende sind es viele kleine Zahnräder, die greifen müssen.»

«Dem Delfin ist es egal»

Und so ein Zahnrad treibt auch wieder ein anderes an. Die Bevölkerung will Plastik trennen. Wer einen Kuh-Bag füllt, der stellt oft mit Erstaunen fest, wie viel Plastikabfall er oder sie verursacht. Es findet eine Sensibilisierung statt.

«Den Delfinen ist es egal, ob wir Plastik verbrennen oder recyceln. Nur im Wasser sollte er nicht landen», sagt Steiner. Tut es aber.

Vor allem Länder wie China, Indonesien und die Philippinen führen den Weltmeeren jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen Plastik zu. Die Schweiz kann dabei nur versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Und so ein gefüllter Kuh-Bag ist ein Zeichen dafür, dass dies bei der Bevölkerung angekommen ist. Denn es liegt nicht nur an besseren Verpackungen und leistungsfähigeren Kameras. 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 9. Januar 2020 05:38
aktualisiert: 9. Januar 2020 08:57