Versammlungsverbot

Polizei: «Wir gehen jedem Hinweis nach»

Christoph Thurnherr, 30. März 2020, 18:09 Uhr
Die Polizei geht sämtlichen Hinweisen wegen Verstössen gegen das Versammlungsverbot nach.
© Keystone
Derzeit gehen bei der Polizei viele Meldungen über Personen ein, die sich nicht an das Versammlungsverbot von mehr als fünf Personen halten. Obwohl das einen grossen Aufwand bedeutet, geht die Polizei jedem Hinweis nach. Die Hintergründe der Meldungen sind dabei sehr unterschiedlich.

Der kollektive Wunsch nach dem Ende der Ausnahmesituation in der Schweiz bringt nicht nur die gute, solidarische Seite der Bevölkerung zum Vorschein. Während viele dem Verlangen nach echter Begegnung einfach nachgeben und sich trotz Verbot in Gruppen treffen, scheinen es sich andere zur Aufgabe gemacht zu haben, solche Personen zu melden.

«Wir erhalten derzeit viele Anrufe wegen Verstössen gegen das Versammlungsverbot», sagt Florian Schneider, Mediensprecher der St.Galler Kantonspolizei. Gerade bei schönem Wetter fiele es den Leuten schwer, zu Hause zu bleiben. «Da es um die Gesundheit geht, gehen wir konsequent jedem Hinweis nach.»

Schon vor dem Versammlungsverbot konnte man auf Social Media schnell den Eindruck gewinnen, einige hätten nur darauf gewartet, ihre Mitbürger an den virtuellen Pranger stellen zu können. In bester Lucky-Luke-Manier zogen manche Daheimgebliebene ihre Smartphones und drückten ab, kaum hatten sie ein verdächtiges Treffen von mindestens zwei Personen erblickt.

Die Meldungen haben verschiedene Hintergründe

Besonders beliebtes Fotosujet: vermeintliche Risikogruppen. In der öffentlichen Wahrnehmung also vor allem Seniorinnen und Senioren, welche die «Frechheit besitzen», ihr trautes Heim zu verlassen. «Da bleibt man extra zu Hause für die Alten und dann so was!», steht als beliebte Rechtfertigung für  Verletzungen des Persönlichkeitsrechts unter vielen Facebook-Posts, auf denen Menschen klar zu erkennen sind. 

Das Versammlungsverbot ist nun bereits eine Weile in Kraft, gelockert hat sich der Bürger-Überwachungsapparat nicht. Es handle sich beim grössten Teil der Anrufer jedoch nicht um Hilfspolizisten, sagt Michael Roth, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau: «Die meisten Anrufer machen sich Sorgen um die allgemeine Gesundheit und möchten, dass so schnell wie möglich Normalität einkehrt.» Im Kanton St.Gallen klingt es ähnlich. Trotzdem gebe es auch andere.

Sozialkompetenz ist gefragt

Für die Polizei ist das Motiv der Anrufer denn auch nebensächlich. Versammlungen von mehr als fünf Personen und die meisten offenen Läden sind verboten, da wird durchgegriffen. Dennoch könnten einige Einsätze vermieden werden, sagt Florian Schneider von der St.Galler Kantonspolizei: «Gerade bei Meldungen über Geschäfte, die vermeintlich noch offen sind, etwa weil ein Licht brennt oder jemand im Laden ist, gibt es Leerläufe.» 

Oft stelle sich heraus, dass der Geschäftsführer gerade am aufräumen sei oder noch etwas im Laden erledige. Das liesse sich in einem kurzen Gespräch feststellen, auch wenn das nicht die Aufgabe der Bevölkerung sei.

Für die Polizei bedeutet die aktuelle Situation eine grosse Herausforderung. Da viele Leute zu Hause bleiben, gibt es zwar weniger Einbrüche und Verkehrsunfälle, dafür haufenweise Corona-Einsätze. Hier als Beispiel die Corona-Statistik der St.Galler Kantonspolizei vom Montag Nachmittag: 

Viele Bürger haben das Bedürfnis, mit den Polizisten auf Patrouille zu sprechen, wofür diese sich Zeit nehmen müssen.

Und hier besteht für viele auch die Möglichkeit, einzuhaken. Nur weil man sich nicht zu nahe kommen darf, muss man nicht aufhören, miteinander zu sprechen. Die meisten hört man auch in ein paar Metern Entfernung noch gut. Das ist bestimmt besser, als im Internet Dampf abzulassen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. März 2020 06:34
aktualisiert: 30. März 2020 18:09