Schweiz: Am meisten entflohene Häftlinge

Stefanie Rohner, 3. April 2019, 18:46 Uhr
Die Schweiz ist europaweit die Nummer eins, wenn es um entflohene Strafgefangene geht. Das hängt mit dem System des halboffenen und offenen Vollzugs zusammen. In der Ostschweiz kommt es auch immer wieder vor, dass Insassen flüchten.
Pro Jahr entfliehen rund zehn Insassen aus der Strafanstalt Saxerriet in Salez.
© Keystone/Gian Ehrenzeller
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Wer seine Strafe im Gefängnis absitzen muss, hat klare Regeln zu befolgen. Der halboffene und offene Vollzug ist ein bewährtes System, bei dem es allerdings passieren kann, dass Häftlinge ausbüxen. «10 vor 10» hat zum Thema berichtet.

«Pro Jahr entfliehen bei uns im Durchschnitt zehn Insassen. Beim Grossteil handelt es sich um Personen, die einen hohen Suchtdruck haben und hoffen, durch die Flucht an Stoff zu kommen», sagt Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet in Salez.

Er betont, dass in den vergangenen Jahren nie ein Häftling geflüchtet ist, der wegen eines schweren Deliktes in der Strafanstalt einsass. Denn auch im offenen Vollzug sitzen Personen ein, die schwere Delikte verübt haben. Heisst: Tötungs- und Sexualdelikte.

«Meist sind diese Insassen zuvor im geschlossenen Vollzug. Für den offenen Vollzug gibt es zwei Hauptkriterien: der Insasse darf nicht offensichtlich fluchtgefährdet sein und er darf nicht als gemeingefährlich gelten», sagt Vinzens.

Nach wenigen Tagen wieder im Gefängnis

Im Saxerriet gibt es zudem die geschlossene Übergangsabteilung, in der eingewiesene Häftlinge ein halbes Jahr untergebracht werden. Danach wird geprüft, ob jemand für den offenen Vollzug geeignet ist. «Aus der geschlossenen Abteilung ist noch nie jemand geflüchtet. Das ist technisch nicht möglich», sagt Vinzens.

Kommt jemand nicht pünktlich von seinem Ausgang zurück, wird er zur Fahndung ausgeschrieben. Meist ist die Freiheit von kurzer Dauer. «In 80 Prozent der Fälle sind die Entflohenen nach wenigen Tagen wieder in der Strafanstalt», sagt Vinzens.

Bevor eine Vollzugsöffnung überhaupt bewilligt wird, gibt es eine genaue Prüfung des Insassen. Teilweise fliehen die Häftlinge auch von ihren Arbeitsstätten, gerade in der Landwirtschaft ist alles sehr weitläufig und kann nicht lückenlos überwacht werden.

Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet. Bild: Urs Bucher/Tagblatt

Flucht kann nicht ganz verhindert werden

«Ist jemand entflohen und wieder zurück bei uns, gibt es natürlich Konsequenzen. Manchmal wird nur der Arbeitsort des Insassen verändert, in anderen Fällen kommt der Häftling in die geschlossene Abteilung und die Vollzugsöffnung wird gesperrt», sagt Vinzens.

Alles in allem ist es in der Strafanstalt Saxerriet kein dominantes Thema. «Der offene Vollzug ist wichtig und ein gutes Übungsfeld für die künftige Entlassung. So können auch die sozialen Beziehungen gepflegt werden und die Wiedereingliederung wird erleichtert», sagt Vinzens.

So sei es wichtig, Situationen so zu simulieren, bei denen Häftlinge nahe an der Freiheit sind. «Das Paradoxe ist ja, dass wir Leute in Gefangenschaft auf die Freiheit vorbereiten müssen. Deswegen gibt es die Vollzugsöffnungen», sagt Vinzens.

Trotz strenger Auflagen kann eine Flucht nicht ganz verhindert werden. Für Vinzens aber ist das Modell des offenen Vollzugs ein sinnvolles. «Im Jahr 2018 sind bei uns 99,56 Prozent der 1200 Insassen, die Ausgang und Urlaub gehabt haben, wieder pünktlich zurück gekommen», sagt Vinzens.

(str)

Der Lausanner Kriminologe, Professor Marcelo F. Aebi, hat für den Europarat einen Space-Report erstellt. Darin werden Gefängnissysteme von 47 Ländern in Europa verglichen. Hochgerechnet auf 10'000 Insassen sind im Jahr 2017 sind 255 Insassen geflüchtet. Damit ist die Schweiz auf Platz eins in Europa. Der Vergleich: In Deutschland flüchteten pro 10'000 Insassen 61 Personen, in Österreich 30 und in Frankreich 88. In Spanien waren es nur zwei. Skandinavische Länder haben ähnlich hohe Zahlen wie die Schweiz.
Stefanie Rohner
veröffentlicht: 3. April 2019 18:46
aktualisiert: 3. April 2019 18:46