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St.Gallen

20 Verletzte und ein kaputtes Postauto – auf Übung mit den Blaulichtorganisationen

Dario Brazerol, 21. September 2021, 17:29 Uhr
Ein Postauto kracht auf der Martinsbruggstrasse in St.Gallen in einen Lieferwagen und 20 Personen werden verletzt. So sieht die Beschreibung für die Einsatzübung der St.Galler Blaulichtorganisationen aus. Wir haben die Feuerwehrleute, Polizistinnen und Polizisten und Sanitätskräfte während der Übung begleitet.
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Quelle: FM1Today

Während die Sonne über St.Gallen langsam untergeht, heulen in der Ferne die Sirenen auf. Rauch zieht über die Martinsbruggstrasse. Blaulicht, eilig heran rauschende Feuerwehrautos, laute Rufe – ein Unfall zwischen einem Lieferwagen und einem Postauto. Die beiden Fahrzeuge sind frontal kollidiert, im Postauto sitzen rund 20 Passagiere, die Insassen des Lieferwagens sind eingeklemmt. Was auf den ersten Blick nach Tragödie aussieht, entpuppt sich aber schnell als die inszenierte Kulisse einer Grossübung für die Blaulichteinheiten.

Falsche Patienten, echte Einsatzkräfte

Rund 70 Einsatzkräfte der Berufs- und Milizfeuerwehr, Stadtpolizei und Rettung St.Gallen sowie der Sanitätshilfe des Sicherheitsverbundes Wil werden an diesem Montagabend beübt. Die Männer und Frauen funktionieren wie Zahnräder, jeder und jede weiss, was zu tun ist. Auch wenn es eine Übung ist, wird präzise und nach Handbuch vorgegangen. Während die Feuerwehrleute versuchen, die Insassen aus dem Lieferwagen zu befreien, sind die Sanitäter bereits im Postauto und kümmern sich um die Passagiere, welche Verletzungen jeglicher Art aufweisen – selbst das Blut wird für diese Simulation mit Farbe aufgetragen.

«Tätschmeister» ist an diesem Abend Benno Högger, Kommandant der St.Galler Berufsfeuerwehr. Ausgestattet mit einem Headset wird er stetig über den aktuellen Stand der Bergungs- und Rettungsarbeiten informiert. Ist Not am Mann ist er direkt zur Stelle. Eine Übung dieser Grössenordnung ist auch für den Feuerwehrkommandanten etwas Spezielles: «In der Regel werden solche Übungen in den einzelnen Organisationen durchgeführt. Das Zusammenspiel wird dann oft nur durchgesprochen.» Bei dieser Übung soll nun aber aus der Theorie Praxis werden.

«Das sind ungewöhnliche Dimensionen»

«Tourniquet! Ich brauche hier ein Tourniquet!», ruft eine Sanitäterin, die sich um eine Patientin mit einer stark blutenden Wunde kümmert. Es wird hektisch auf dem Platz, auf dem die Insassen des Postautos versammelt wurden. Einige klagen darüber, sich nicht mehr bewegen zu können, einem Buben wurde gar das ganze Gesicht einbandagiert. Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation haben die Figuranten sichtlich Spass und können sich bei manchen Verarztungsmassnahmen ein Lachen nicht verkneifen. Aufgeregt sind die Patienten wie auch die Einsatzkräfte gleichermassen. Bei letzteren stammt die Aufregung aber eher vom Ausmass des simulierten Unfalles, welches nicht alltäglich ist.

«Man muss immer für so etwas bereit sein», sagt Benno Högger. «Das hier sind aber schon eher ungewöhnliche Dimensionen. Deshalb ist es wichtig, einen solchen Fall zu trainieren. Es tauchen Probleme auf, welche man gemeinsam lösen muss. Und das ist uns hier gut gelungen.»

Verbesserungspotenzial in der Kommunikation

Nach und nach werden die Verwundeten auf Baren gehievt und in die Sanitätszelte verschoben. Die Sonne ist längst untergegangen, doch Scheinwerfer lassen die Szenerie taghell erscheinen. Mit fortschreitender Zeit werden die gespielt gequälten Schreie der Figuranten langsam leiser, die Hektik nimmt ab und auch unter den Einsatzkräften macht sich ein Gefühl der einkehrenden Ruhe breit.

Doch war die Übung ein Erfolg? «Eigentlich hat alles geklappt», sagt der Feuerwehrkommandant. «Eigentlich, weil bei einer solchen Übung Schwachstellen aufgedeckt werden. In diesem Fall war dies die Kommunikation. Die linke Hand wusste nicht immer, was die rechte macht. Grundsätzlich bin ich aber zufrieden.» Im Anschluss an die Übung stehe noch eine Besprechung an, in welcher die einzelnen Einsatzpunkte besprochen werden, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. Doch noch ist die Übung für Benno Högger nicht zu Ende. Über sein Headset wird seine Hilfe angefordert und der Feuerwehrkommandant eilt sofort in Richtung Sanitätszelt.

Übung halt!

Während die Verwundeten noch ein letztes Mal gründlich auf Herz und Nieren geprüft werden, zieht der Abschleppwagen den lädierten Lieferwagen über die Martinsbruggstrasse. Die aufgeschnittene Führerkabine lässt nur erahnen, wie es den Personen ergangen wäre, welche im echten Leben in dieser eingeklemmt gewesen wären. Bis auf die Fahrzeuge ist an diesem Abend aber niemand zu Schaden gekommen. Die Sirenen sind verstummt, das Blaulicht erloschen, die Figuranten erheben sich in guter Gesundheit von ihren Baren und wischen sich das falsche Blut vom Gesicht und fahren – wahrscheinlich etwas vorsichtiger als sonst – nach Hause.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. September 2021 08:11
aktualisiert: 21. September 2021 17:29