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Bionicman macht's mit Links

Stefanie Rohner, 7. Januar 2019, 15:14 Uhr
Bionicman ist ein Held mit Handicap: Ihm fehlt eine Hand. Mit seiner bionischen Handprothese setzt er sich für die Schwachen ein. Sein Schöpfer hat Bionicman als Comic mit dem berühmten Ostschweizer Zeichner David Boller herausgebracht.

Der weiss-blaue Umhang weht im Wind, wenn Bionicman herbeieilt, um zu helfen. Trotz seiner fehlenden Hand ist er nicht schwach. Er setzt sich mit Herz, Robotik und starker Persönlichkeit für Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein.

«Jede Episode des Comics enthält einen Funken Wahrheit und stellt etwas dar, das ich in meiner Kindheit oder Jugend erlebt habe. Natürlich ist auch einiges erfunden, wie es sich für einen Superhelden-Comic gehört», sagt Michel Fornasier, Gründer der Stiftung «Give Children A Hand».

Bionicman ist real

Bionicmans Heldentaten gehen über den Comic hinaus. Er setzt sich in der realen Welt für die Enthinderung von Kindern mit Handicap und gegen Mobbing ein.

Sein Schöpfer ist der gebürtige Freiburger Michel Foransier. Er ist ohne eine rechte Hand zur Welt gekommen und hat mit der Stiftung «Give Children A Hand» sein Herzensprojekt verwirklicht.

Seit 2016 fertigt die Charity gemeinsam mit Ärzten, Designern und Besitzern von 3D-Druckern massgeschneiderte Handprothesen für Kinder. Inzwischen haben bereits 30 Kinder eine neue Handprothese erhalten. «Sie sollten robust sein und auch lässig aussehen. Kindern ist die Farbe oft wichtiger als die Funktionalität. Gerade bei der ersten Handprothese ist es wichtig, dass sie keinen negativen Eindruck beim Kind hinterlässt. Da darf sie auch mal leuchten, wenn es hilft», sagt Fornasier schmunzelnd.

Michel Fornasier in seinem Superheldenkostüm - zusammen mit Moderator Thomas Odermatt. (Bild: zVg)

Hand im Büro vergessen

Fornasier hat seit vier Jahren eine bionische Handprothese - es ist die modernste, die es weltweit gibt. In der Schweiz gibt es nur zwölf Menschen, die eine solche Prothese haben. Fornasier sagt aber, bei aller Euphorie dürfe man nicht vergessen, dass sie lediglich 15 Prozent der Mobilität einer menschlichen Hand abdeckt.

Monatelang hat er trainiert, die Hand richtig einzusetzen. Gewisse Dinge kann er besser ohne die Prothese erledigen. «Die Schuhe mit der Prothese zu binden, geht viel zu lange», sagt Fornasier.

Es gab auch schon Missgeschicke mit der Hand. «Als ich mich im Tram mit meiner Prothese am Haltegriff festgehalten habe, war der Akku plötzlich leer und ich konnte die Hand nicht mehr lösen», sagt er. Es sei auch schon vorgekommen, dass er die Hand im Büro vergessen hat.

Hand mit Superkräften?

Kinder sind total begeistert von seiner modernen Prothese. «Sie haben mich immer wieder gefragt, ob ich mit dieser Hand vielleicht Superkräfte habe. Ich habe stets verneint», sagt Fornasier.

Da dies die Kinder immer enttäuscht habe, begann Fornasier irgendwann zu sagen, er wisse nicht genau, ob die Hand über Superkräfte verfüge. «Da brach eine regelrechte Euphorie aus - die Kinder sagten ihren Eltern, sie möchten auch eine solche coole Zauberhand, wenn sie erwachsen sind», erzählt der Autor des Comics.

Michel Fornasier setzt sich mit «Give Children A Hand» dafür ein, dass Kinder geeignete Prothesen erhalten. (Bild: zVg)

Nahbarer Superheld

Weil seine bionische Prothese stets ein Thema bei den Kindern war, entstand die Idee zu Bionicman. Mit dem Toggenburger Zeichner David Boller sind die ersten Episoden des Comics entstanden. Ein Buch war nicht geplant. Nachdem aber die einzelnen Comic-Strips auf Social Media so gut angekommen sind, entschlossen die beiden, ein Buch zu machen.

Die Kinder sind begeistert. Fornasier liess sich das Kostüm aus dem Comic schneidern und kann so Kinderaugen noch mehr zum Funkeln bringen. «Der Superheld soll nahbar und greifbar sein», sagt er.

«Kinder sind sehr direkt»

Der Comic soll unterhalten aber auch das Selbstvertrauen der Kinder stärken. «Kinder sollen sehen, dass sie trotz körperlicher Beeinträchtigung nicht besser oder schlechter als andere sind. Andererseits soll der Comic Kinder ohne körperliche Behinderung für das Thema sensibilisieren», sagt Fornasier.

Er hat selbst oft erlebt, angestarrt zu werden. Und gerade im Kindes- und Jugendalter war es manchmal schwierig. «Kinder sind direkt und dies kann sehr verletzend sein.»

Tapfer gegen zwei Grosse

Genauso hat es auch ein Junge erlebt, der Bionicman kennt. Der Bub hat keine rechte Hand und wurde von zwei grösseren Mitschülern gemobbt. Der Junge, notabene einen Kopf kleiner als die beiden, trat tapfer vor und sagte, er habe keine rechte Hand - genau wie Bionicman und dieser sei ein Superheld. «Am Ende geht es dem Superhelden genau darum, das Selbstwertgefühl der Kindern zu stärken», sagt Fornasier.

Der erste Band von Bionicman kommt sehr gut an. Es sind weitere geplant. (Bild: zVg)

Mit Literatur Gutes tun

Der Comic ist im klassischen Superhelden-Stil verfasst. «Sein Superheldenkostüm ähnelt stark dem von Superman. Er kann alles. Deswegen habe ich die Geschichte von Anfang an als ‹normalen› Superheldencomic wahrgenommen», sagt der Comiczeichner David Boller. Er findet den Charity-Gedanken aber gut.

«Ich sehe das ähnlich wie bei meinen anderen Büchern. Literatur kann immer Gutes tun. Die Geschichten sind aus dem Leben gegriffen und können vielen Kindern helfen. Sie machen Mut. Kinder haben es heutzutage nicht leicht mit diesem Mobbing», sagt Boller.

Der Comic hat nicht eine grosse Story, es sind mehrere Kurzgeschichten, die in sich abgeschlossen sind. Den Leser erwarten also keine Cliffhanger. Das macht das Warten auf den nächsten Band einfacher.

Der erste Band ist seit Oktober im Handel, weitere sind geplant. Und Boller zeichnet dafür schon fleissig. «Etwa zehn Prozent sind bereits fertig. Die Publikation ist im September oder Oktober geplant», sagt Boller.

Kaum Zeichner wie David Boller

Die Zusammenarbeit kam zustande, weil Fornasier den Zeichner im Fernsehen gesehen hat. «Es gibt in der Schweiz kaum Leute, die so zeichnen können wie ich. Es gibt in Basel einen weiteren Comic-Zeichner, aber ansonsten bin ich der einzige», sagt Boller.

Der Zeichner, der mal in Amerika gewohnt hat, kennt dazu auch das passende Sprichwort. «Es ist besser, ein grosser Fisch im kleinen Teich zu sein, als ein kleiner Fisch im grossen Teich.» Und in diesem kleinen Teich ist viel zu tun für Boller. Im vergangenen Jahr hat er vier Bücher gezeichnet.

Fornasier und Boller wird es so schnell also sicher nicht langweilig. Der erfolgreiche Zeichner und der Besitzer von «Give Children A Hand» werden weiter an den Comics arbeiten und nebenher das machen, was sie am besten können: Kindern und Jugendlichen ein Lachen ins Gesicht zaubern.

Stefanie Rohner
veröffentlicht: 7. Januar 2019 09:36
aktualisiert: 7. Januar 2019 15:14