St.Gallen

Bruno lächelt – und die Stadt strahlt

Dario Cantieni, 8. Februar 2021, 06:55 Uhr
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Quelle: FM1Today ( rhy)

Wer Bruno Dörig bei der Arbeit über die Schultern schaut, sieht meistens einen Reisbesen oder eine Schneeschaufel. Der gebürtige Appenzeller kümmert sich seit über 40 Jahren um die Strassen der Stadt St.Gallen. Er beseitigt die Spuren der Nacht – hinterlässt dabei seine eigenen. Eine Reportage über einen, der am Morgen «chrampfet» und am Abend Yoga macht.

Es ist kurz vor 6 Uhr, als Bruno Dörig mit seinen Kollegen vor dem Werkhof steht, raucht und lächelt. Beides macht er heute nicht zum ersten Mal. Und nicht zum letzten Mal. Die Zigarette zwischen den schwieligen Arbeitsfingern, erklärt er: «Ich stehe jeden Morgen mit einem Lächeln auf, alles andere bringt doch nichts.» Ein Satz, den man von perfekt geschminkten Influencerinnen in Yoga-Pants kennt, die vor ihrem «healthy» Müsli sitzen und den Hashtag #whataday tagtäglich überstrapazieren. Aber hier, in der morgendlichen Kälte des grauen St.Gallens, gesprochen von einem «Büezer», der seit 40 Jahren in die orangen Arbeitshosen steigt, bekommt der Satz eine ganz neue Bedeutung. Denn er ist ernst gemeint. Beweise dafür wird es in den nächsten Stunden mit Bruno genug geben.

Ohne Lehre ins Glück

«…und siiis Morgeteeeam. Radio FM1!», dröhnt es aus dem Radio, als Bruno den Zündschlüssel seines «Trottoir-Traktors» umdreht. Das wendige Gefährt bringt Bruno durch die Stadt und Morgen-Joe von den FM1-Wachmachern begleitet ihn in den Tag. «De findi no en Glatte», sagt er, bevor wir uns in Richtung Marktplatz aufmachen. Kreis 1 – seit vielen Jahrzehnten der Wirkungskreis von Bruno Dörig. Dort nimmt er seinen Reisbesen von der kleinen Ladefläche und beginnt zu wischen. Während der Besen gleichmässig über die fast menschenleeren Strassen kratzt, erzählt er: «Ich habe immer gesagt, dass ich etwas Sinnvolles machen will, wo ich mit Leuten in Kontakt bin und meine Freiheit leben kann.» Eine Lehre brauchte er dafür nicht. Nach der Schule half er auf dem Bauernhof der Eltern mit, arbeitete als «Sanitärler» oder stand am Skilift. Mit 19 Jahren ging es von Appenzell in die Ferien nach Afrika und kurz darauf bewarb er sich bei der Stadt als Strassenwärter.

Zwölf Stunden Schlaf – in vier Tagen

Und auf diesen Strassen ist er nun jeden Tag zehn bis 15 Kilometer vor allem zu Fuss unterwegs, grüsst freundlich, schätzt die kleinen Gesten und lächelt den Leuten zu. Etwas, das mit Maske schwieriger wurde. Das merke man. «Die Leute sind müde von Corona. Man ist sich auch emotional nicht mehr so nah. Für die Gesellschaft wäre es einfach schön, wenn man sich wieder in die Arme nehmen könnte. Ohne schlechtes Gewissen», sagt der Menschenfreund Bruno Dörig.

Der Strassenwärter sieht in Corona aber durchaus auch Vorteile: Die Abfallberge sind kleiner geworden bis ganz verschwunden. Keine feiernde Menge, die in der Nacht die Strassen in ein Abfallchaos verwandelt. «Unser Job ist mit Corona definitiv ruhiger.» Ausser es liegt so viel Schnee wie vor einigen Wochen. Dann komme es schon mal vor, dass man in vier Tagen gerade mal zwölf Stunden Schlaf kriegt. «In eineinhalb bis zwei Wochen machten wir 50 Überstunden», so der 59-jährige. Frühester Arbeitsbeginn im Winter: 2.30 Uhr.

Der Vater von zwei Töchtern und einem Sohn lächelt auch dann, wenn er mitten in der Nacht aufstehen muss. Und die Überstunden kann er dank der aktuellen Situation kompensieren.

Es ist ruhig im Bermuda-Dreieck, dem Ausgangsviertel von St.Gallen. Nicht nur am frühen Morgen, wenn Dörig seine Runde macht.

© FM1Today / Lena Rhyner

«Miami, Penthouse, Porsche undr’m Arsch»

Das viele und strenge Arbeiten falle ihm aber nicht mehr so leicht wie noch mit 20. «Früher war ich ein Draufgänger, immer vorne mit dabei, wollte immer der Erste sein.» Seine Kollegen hätten gesagt, er sei einer für: «Miami, Penthouse, Porsche undr’m Arsch.» Daraus ist nichts geworden. In Amerika war Bruno Dörig noch nie. Er lebt mit seinem Sohn, der auch bald ausziehen wird, auf über 1000 Metern über Meer am Waldrand im Appenzellerland. Nur das mit dem schnellen Wagen hat sich bewahrheitet.

Wir stehen im verlassenen Ausgangsviertel von St.Gallen, als Dörig von seinem «Huschi» erzählt. So nennt er den Sportwagen – ein Fiat Spider Cabriolet – den er privat fährt. «Mit dem gebe ich auch heute noch gerne etwas Gas», sagt er und steckt sich die Zigarette zwischen die verschwörerisch lächelnden Lippen. Denn: «Ich mache alles, was ich selber verantworten kann, das ist mir wichtig.»

Dörig meint, die Zigarette sei «das einzige Laster», das er habe. Das schnelle Auto ist purer Genuss.

© FM1Today / Lena Rhyner

Bruno Dörig – wer bist du?

Das schnelle Auto im Privaten, der gemächliche «Traktor» bei der Arbeit. Einer von vielen, vermeintlichen Gegensätzen in Dörigs Leben.

Denn wer Zeit mit Bruno Dörig verbringt, weiss, wer er ist, ohne genau sagen zu können, was ihn dazu macht. Er lässt sich nicht schubladisieren. Und schubladisiert auch selber nicht. So sagt er mehrmals den Satz: «Ist doch egal, was jemand macht, wichtig ist, wer er ist.»

Und Bruno Dörig ist ein Mann, der in einem Satz erzählen kann, dass er die Heavy-Metal-Konzerte vermisse, um im nächsten Satz zu sagen, dass er zu Hause manchmal Yoga macht. Er hat noch nie einen Computer bedient, jedoch seit Oktober ein iPhone. Und ein neues Tattoo. Unterdessen sind es drei. Ein Adler, ein Herz mit Auge und Flammen und seit kurzem ein Sioux-Häuptling. Die Lebensphilosophie der Sioux beeindruckt ihn und auf die Frage, ob er spirituell sei, meint Dörig: «Ein bisschen wohl schon. Nur schon wegen meiner Blockhütte am Waldrand. Ich bin aber nicht esoterisch, das Zwischenmenschliche fasziniert mich. Und wenn ich über den Jordan gehe, gehe ich mit einem Lächeln über den Jordan.» Ein Satz, wie er öfters fällt, wenn Bruno Dörig während des Strassenwischens über das Leben nachdenkt. «Das Leben steht vor dir und du musst es beschreiten», «Wenn die Welt morgen untergeht, dann lebe ich heute» oder auch «Herzlichkeit ist der Motor». Sätze, die sich in jedem Spruch-Kalender gut machen würden. Nur mit dem Unterschied, dass Dörig die Sätze nicht nur sagt, sondern auch lebt.

Gerade das mit der Herzlichkeit stelle ihn auch bei der Arbeit immer wieder auf. «Ein ehrliches Lächeln oder ein Danke, wenn man es nicht erwartet, dann ist die Welt in Ordnung. Ich sage immer: Wie man in den Wald hineinruft, so tönt es zurück.»

Oder im Fall von Bruno Dörig: Wer am Morgen vor dem Spiegel lächelt, erhält ein Lächeln zurück.

Dario Cantieni
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 8. Februar 2021 05:36
aktualisiert: 8. Februar 2021 06:55