Anzeige
St.Gallen

«Das passt gar nicht zu ihm»

Christoph Thurnherr, 5. August 2020, 11:13 Uhr
Marcel Dietsche war zuletzt Gruppenchef der Mobilen Polizei. (Archivbild)
© St.Galler Tagblatt
Kantonsrat, Polizist, Familienvater – Marcel Dietsche galt als geradliniger Typ. Am Mittwoch trat der SVP-Politiker wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung von all seinen Ämtern zurück. Seine Stelle bei der Kantonspolizei St.Gallen kündigte er. Die Überraschung ist gross.

«Es ist offensichtlich etwas passiert», sagt der St.Galler SVP-Fraktionspräsident und Kantonsrat Michael Götte, «sonst hätte Marcel Dietsche nicht diese Konsequenzen gezogen und hätte es auch keine Strafanzeige gegeben». Götte und Dietsche (beide 39) kennen sich gut. Jahrelang war Dietsche Vize-Fraktionspräsident der SVP im Kantonsrat.

Und diesen Job habe er immer «hervorragend» gemacht. Genauso wie alles andere, das er angepackt habe: Dietsche war nicht nur SVP-Kantonsrat und Gruppenchef der Mobilen Polizei, sondern präsidierte auch die IG Sportvereine Oberriet und die Berufsfachschulkommission BZB Buchs. Laut Götte ist Dietsche einer, auf den man sich «zu 200 Prozent» verlassen könne, «ein Saubermann». Der Vorwurf der sexuellen Belästigung passe nicht ins Bild. «Ich kann nur hoffen, dass das Ausmass nicht gravierend ist», sagt Götte.

Dietsche meldete sich selbst beim Vorgesetzten

Das Ausmass scheint zumindest so gravierend zu sein, dass Dietsche die personalrechtlichen Abklärungen der Kantonspolizei nicht abwarten wollte. Nachdem er seinen Vorgesetzten über sein allfälliges Fehlverhalten gegenüber Arbeitskolleginnen informiert hatte, kam es zu einer Besprechung in St.Gallen.

Eine externe Anwältin wurde damit beauftragt, zu prüfen, ob die Handlung Dietsches – noch ist nicht klar, was er genau getan haben soll – nur personelle oder sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen müsste. Dazu kam es nicht. Noch während der Besprechung reichte Dietsche die Kündigung ein, wie Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, bestätigt: «Wir wussten gar nicht, was er genau getan hat. Das wissen nur die Beteiligten», sagt er auf Anfrage von FM1Today.

Die strafrechtliche Untersuchung läuft weiter

Die personalrechtliche Abklärung ist mit der Kündigung Dietsches hinfällig. Denn sie ist deren letzte Konsequenz. Laut Hanspeter Krüsi wären auch eine Versetzung, Degradierung oder eine Verwarnung möglich gewesen. Oder gar nichts davon, denn nach wie vor gilt die Unschuldsvermutung. Das Strafverfahren gegen Dietsche läuft allerdings, denn diese Woche wurde eine Anzeige wegen sexueller Belästigung eingereicht.

Ein schlechtes Licht auf die Polizei werfe dieser Fall nicht unbedingt, sagt Polizeisprecher Krüsi: «Als Unternehmen sieht man das natürlich nicht gern. Letztendlich ist es aber einer von 900 Mitarbeitern, der ein Strafverfahren hat und nicht die Polizei.»

Politische Konsequenzen im Wahljahr 2019 hat wohl auch die SVP nicht zu befürchten. Die Wahlen sind erst in einem guten halben Jahr. Bis dahin werde noch viel passieren, sagt der St.Galler Wahlkampfberater Sven Bradke. Und in den letzten Jahren sei es auch bei den Mitgliedern anderer Parteien zu Skandalen gekommen. Auf die SVP falle da gar nichts zurück, meint Bradke.

Christoph Thurnherr
Quelle: thc
veröffentlicht: 2. Mai 2019 16:02
aktualisiert: 5. August 2020 11:13