«Der Film war unsere Selbsttherapie»

Laurien Gschwend, 1. Oktober 2018, 10:42 Uhr
Die St.Gallerinnen Florine und Kim Nüesch sind mit einer Mutter mit bipolarer Störung grossgeworden. In einem bewegenden Kurzfilm haben die Schwestern ihre Kindheit künstlerisch verarbeitet.

«Mommy! Mom!» – rufen Sapphire und Zooey. Langsam betreten sie das Haus ihrer Mutter, ohne zu wissen, wie sie diese antreffen werden. Mit Blut am Oberteil steht sie an der Spüle, in der Hand ein grosses Messer. Die Mädchen handeln wie Grosse – nehmen das Messer weg und halten ihre Mama in den Armen. «Wir brauchen dich. Du musst nicht normal sein», so ihre tröstenden Worte.

«Gefühlt, wie es damals war»

Alle Szenen des Kurzfilms «Forget me not» sind an die Kindheit von Florine und Kim Nüesch angelehnt. Die St.Gallerinnen wuchsen mit einer psychisch erkrankten Mutter auf und haben das Erlebte nun kreativ verarbeitet. «Den Film zu machen, war für uns eine Art Selbsttherapie», sagt die 27-jährige Florine. Während des Projektes hätten sie und ihre Schwester viele schwierige Momente erlebt. «Wir haben uns in unsere Kindheit zurückversetzt und gefühlt, wie es damals war.»

Einige künstlerische Freiheiten haben sich die Nüesch-Schwestern bei der Umsetzung von «Forget me not» dennoch erlaubt, weshalb der Film nur semi-autobiografisch ist. «Wir sind nicht mit einem alleinerziehenden Mami und nicht in den 70er-Jahren aufgewachsen», erklärt Kim (25). Schon bei der früheren Produktion «Moon Girls» war den Ostschweizer Filmemacherinnen anzumerken, dass sie von Schauplätzen in den Sixties und Seventies angetan sind (FM1Today berichtete).

Erfahrungen teilen

Diese Woche haben Florine und Kim «Forget me not» online veröffentlicht. Es sei «ein wunderschönes Erlebnis», «Forget me not» den Liebsten und auch dem breiten Publikum zu zeigen, sagt Florine. «Es tut gut, unsere Geschichte zu erzählen und sie mit Leuten zu teilen, die etwas Ähnliches erlebt haben», ergänzt Kim. Eines der grössten Probleme psychischer Krankheiten sei es, dass sich die Leute nicht trauen würden, darüber zu sprechen – aus Angst, auf Vorurteile zu stossen.

Hier kannst du «Forget me not» in voller Länge anschauen.

Kompliment eines bekannten Regisseurs

«Wir haben wunderschöne Reaktionen erhalten, darunter sehr persönliches Feedback von Leuten, die unser Mami kannten», freut sich Kim. Auch Kolleginnen und Kollegen aus der Filmindustrie hätten sich positiv zur Semi-Autobiografie geäussert. «Tony Kaye, der Regisseur von American History X, meinte beim Screening in Berlin zu uns, dass er sich gewünscht habe, der Film würde niemals enden.»

Kaye dürfte sich darüber freuen, dass die Nüesch-Schwestern gerade dabei sind, ein Drehbuch für ihren ersten längeren Science-Fiction-Film zu schreiben. «Es war schon immer unser Traum, Spielfilme zu machen», sagt Florine.

Vorerst keine Rückkehr nach St.Gallen

Seit der Matura und ihrem anschliessenden Filmstudium leben die St.Gallerinnen in Los Angeles. Schon mehrere Male wurden sie für ihr Schaffen ausgezeichnet. Kim: «L.A. ist eine sehr spannende Stadt. Wir leben in Downtown, einem Stadtteil mit vielen jungen Künstlern.» Obwohl die Nüesch-Schwestern hoffen, in Zukunft vermehrt vom Elternhaus in Rotmonten aus arbeiten zu können, bleiben sie der Traumfabrik Hollywood treu. «Vollzeit in St.Gallen zu sein, sehen wir momentan nicht.»

Trotzdem – die Ostschweiz bleibt die Heimat der Filmemacherinnen. In L.A. sei es extrem schwierig, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben, findet Florine. «Um jemanden zu treffen, musst du manchmal eine Stunde fahren. Deshalb sind unsere besten Freunde immer noch jene aus der Kindheit in der Schweiz.»

Gemeinsam die Welt erobern

Die Familie haben Florine und Kim ohnehin immer an ihrer Seite. «Seit wir klein sind, sind wir unzertrennlich», sagt Kim. Und so sei es logisch gewesen, gemeinsam auszuwandern, zu leben und zu arbeiten. «Alleine wäre es viel schwieriger gewesen, die Welt zu erobern.»

https://www.forgetmenot-film.com/film

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 30. September 2018 11:23
aktualisiert: 1. Oktober 2018 10:42