St.Galler Sonderschulen

«Der Kanton spart am Kindeswohl»

Marian Märki, 29. September 2022, 16:38 Uhr
Vergangene Woche wurde im St.Galler Kantonsrat das Thema Sonderschulen heiss diskutiert. Während verschiedene Bildungspolitiker von einem Notstand sprechen, sieht der Kanton keinen Handlungsbedarf. Bei Betroffenen löst dies vor allem Frust aus.
An den St.Galler Sonderschulen hat es anscheinend zu wenig Plätze. Der Kanton widerspricht. (Symbolbild)
© Keystone
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Unter dem Titel «Notstand in den St.Galler Sonderschulen» hatten mehrere Bildungspolitiker aus mehreren Parteien in der Septembersession eine Interpellation eingereicht, die für dringlich erklärt wurde. Die Antwort der St.Galler Regierung: Von einem Notstand könne nicht die Rede sein. «Die Zusammenarbeit läuft ausgezeichnet», sagte Regierungsrat Stefan Kölliker vor dem Kantonsrat. Kölliker weiter: «Meine Leute haben zwischen Januar und April mit allen Sonderschulen gesprochen – braucht es Plätze, werden sie bewilligt.»

Sonderschulen sehen es anders

Für die Sonderschulen ist dies ein Hohn. «Der Platzbedarf ist nicht gedeckt. Es ist ein Notstand. Wir erhalten andauernd Anfragen, ob wir noch freie Plätze haben», erklärt eine Person, die eine St.Galler Sonderschule leitet, gegenüber FM1Today. Allein in den vergangenen zwei Wochen habe sie sieben Anfragen erhalten. Zum Teil gar aus anderen Teilen des Kantons.

Auch die Aussage der Regierung, dass es 69 freie Plätze im Kanton habe, sei falsch: «Ich habe bei meinen Kolleginnen und Kollegen nachgefragt. Wo diese Plätze sein sollen, weiss niemand.» Vor allem bei den Heilpädagogischen Schulen gebe es Wartelisten.

Die Leidtragenden sind die Kinder. Hat es keine Plätze, werden sie entweder vorübergehend von der Schule dispensiert oder ihre Einschulung wird um ein Jahr verschoben. In einzelnen Fällen könnten sie auch in die Regelschule integriert werden, was aber auch nur bedingt möglich sei, da zusätzliche Ressourcen benötigt werden.

Neue Motion wird umgesetzt, aber...

Seit Anfang August 2021 gilt im Kanton St.Gallen, dass das Bildungsdepartement und die Sonderschulen gemeinsam sicherstellen, dass für jedes Kind, welches einen Platz benötigt, ein solcher zur Verfügung steht. Dies werde umgesetzt, betont die Regierung in ihrer Antwort.

Dass die Motion umgesetzt werde, sagt auch die Quelle. Allerdings gibt es ein grosses Aber: Dies sei nur der Fall, weil sich viele Sonderschulen nicht mehr an die Schülerzahlen in der Leistungsvereinbarung halten und neue Klassen eröffnen. Doch um dies umzusetzen, benötigt es beispielsweise mehr Lehrpersonen und Schulraum. Und genau hier lege das Bildungsdepartement den Sonderschulen immer wieder Stolpersteine in den Weg, beispielsweise bei der Beschaffung von Schulraum.

Steigende Schülerzahlen und alte Pauschalen 

Laut der Betroffenen gebe es mehrere Baustellen, die der Kanton bearbeiten müsse. Zum einen seien die steigenden Schülerzahlen eine Herausforderung. Zum anderen sei es das Sonderschulkonzept mit den Tages-Pauschalen pro Kind. Denn bei Sonderschulen bestimmt der Kanton das Schulgeld, welches sonst die Gemeinden entrichten. Diese Pauschalen wurden 2016 festgelegt und seither nicht angepasst. Zwar wird mit der Evaluation des Sonderschulkonzepts daran gearbeitet, doch es gehe zu langsam voran. Denn die Sonderschulen seien seit Jahren unter Kostendruck.

Als Beispiel nennt die Schulleitung den Kostenaufwand für den Transport der Kinder in die Schule, welcher ebenfalls über die Pauschale gedeckt wird. Diese Kosten seien je nach Wohnort des Schülers oder der Schülerin unterschiedlich hoch. Hinzu kommt, dass beispielsweise das Benzin momentan massiv teurer ist als früher.

Und auch die steigenden Personalkosten aufgrund des höheren Betreuungsbedarfs seien mit der Pauschale nicht mehr gedeckt. «Eigentlich hätten wir pro Lehrperson zwei Kinder. Momentan ist es aber so, dass wir Klassen haben, in denen die Hälfte der Schülerinnen und Schüler eine 1:1-Betreuung benötigen würden», führt sie frustriert aus. Es ist so, dass der Personalbedarf mit dem zugesprochenen Pensenpool nicht gedeckt werden könne, was zu einem jährlichen Defizit führe. «Uns liegt die Qualität des Unterrichts am Herzen und darum machen wir das momentan auch so, aber mittelfristig ist dies nicht tragbar.» Die Schulen leben quasi über ihren Verhältnissen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Oder wie es die Leitungsperson ausdrückt: «Der Kanton spart beim Kindeswohl.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 30. September 2022 09:39
aktualisiert: 30. September 2022 09:39