Wandern auf der Alp

Deshalb kann es diesen Sommer vermehrt zu Kuhattacken kommen

Lara Abderhalden, 26. Juni 2020, 10:40 Uhr
Offene Gatter, ausgerissene Orchideen und aufgeschreckte Mutterkühe – aufgrund des Coronavirus verbringen derzeit viele ihre Ferien zu Hause oder machen Ausflüge in der Schweiz. Die Ostschweizer Bauern haben mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen.

Eine kurvige, mit Kieselsteinen gesprenkelte Strasse führt zur Alp Ergeten in der Gemeinde Mosnang in der Nähe der Hulftegg. Dunkelrote Wegweiser, mit einem weissen Radfahrermotiv bedruckt, zeigen den Bikern den Weg. Die Bike-Route von oder zur Hulftegg führt durch das Weidgebiet der Rinder, die den Sommer auf der Alp Ergeten verbringen.

Hans Lüthi ist verantwortlich für die Rinder. Er betreut die Alp Ergeten im Auftrag von Pro Natura und ist seit Mai auf der Alp. Diesen Frühling war aufgrund des Coronavirus alles ein bisschen anders: «Viel mehr Leute kamen in dieses Gebiet», sagt der 69-Jährige. Vor allem die Anzahl E-Bike-Fahrer habe deutlich zugenommen. «Es freut mich natürlich, dass die Leute hierher kommen und ich verstehe es auch, aber das Verhalten der Leute hat sich verändert.»

Hans Lüthi ist bereits den zehnten Sommer auf der Alp Ergeten.

© FM1Today/Lara Abderhalden

Rinder ausgebüxt wegen offenem Gatter

Das Verständnis gegenüber der Natur fehle oft: «Es werden geschützte Blumen, wie Orchideen, ausgerissen und Fahrverbote missachtet.» Lüthi deutet auf eine runde, rot-weisse Tafel. «Die Biker fahren in vollem Karacho auf die Wanderwege, auf denen sich Wanderer aufhalten.» Dies führe einerseits zu Konflikten mit den Wanderern, andererseits seien so auch schon Rinder aufgeschreckt worden.

Das grössere Problem seien aber offen gelassene Gatter: «Nachdem die Rinder im Mai erst zwei Tage hier oben waren, liessen Biker ein Gatter offen, dadurch büxten die Rinder aus und ich musste sie einsammeln.» Damit die Zäune nicht offen gelassen werden, hat Hans Lüthi bei einigen Elektrozäunen diesen Frühling den Handgriff unter Strom gesetzt. «Sonst treiben mir die Biker die Kühe aus ihrem Weidgebiet. Das musste ich bisher noch nie tun.» Hans Lüthi wünscht sich von den Bikern und Wanderern vor allem etwas: «Mehr Toleranz und weniger Arroganz.»

Bei Hans Lüthi wurden von Bikern bereits Gatter offen gelassen und Rinder sind ausgebüxt.

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«Nutztiere können sich gestresst fühlen»

Toleranz – dieses Wort verwendet auch Heinz Feldmann, Sicherheitsfachmann bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft BUL, gerne im Zusammenhang mit Wanderern. Auch er wünscht sich mehr Respekt, denn gerade diesen Sommer könne es aufgrund der höheren Anzahl an Menschen, die in der Schweiz Ferien machen, zu Konflikten kommen.

Er sieht vor allem Weiden mit Mutterkühen als Problemzonen: «Coronabedingt wird es diesen Sommer mehr Menschen in den Bergen haben. Durch die vielen Tätigkeiten in Alpweidengebieten sind die Nutztierherden in ständiger Aufmerksamkeit und das kann aus meiner Sicht dazu führen, dass sich die Nutztiere gestresst fühlen.»

Kühe können sich durch Drohnen oder Hunde gestresst fühlen.

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Fühle sich ein Nutztier gestresst, könne es auch zu Kuhattacken kommen. Das sei aber hauptsächlich bei Mutterkühen der Fall und diese würden sich nur selten an Wanderwegen aufhalten. Denn die Landwirte wurden von der BUL angehalten, keine Mutterkühe entlang der Wanderwege zu halten. «Grundsätzlich kann man sagen, wenn sich ein Wanderer korrekt verhält und den Wanderweg nicht verlässt und Tiergruppen umgeht, dann besteht ein minimales Risiko eines Konflikts.»

«Drohnen können Stressauslöser sein»

Immer häufiger würden die Wanderer die offiziellen Wanderwege verlassen. Es seien aber nicht nur Wanderer, die Probleme provozieren. Auch Heinz Feldmann nennt Mountainbiker als mögliche Störfaktoren und: «Derzeit sind Drohnen sehr beliebt. Drohnenpiloten finden es schön, wenn die Tierherden auseinander strömen, während sie die Aufnahmen machen.» Die Kühe seien dadurch aber teilweise gestresst. «Auch Hunde, die nicht an der Leine sind, können Tierherden aufscheuchen, die dann automatisch eine Abwehrreaktion zeigen. Es gibt dieses Jahr eine massive Häufung an Stressauslösern.»

Respekt und Toleranz erwünscht: Wanderer und Biker sollen sich an die Regeln halten.

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Heinz Feldmann wünscht sich von den Schweizer Ausflüglern, dass diese Rücksicht und Respekt gegenüber der Natur und der Tierhaltung zeigen. «Es gibt gewisse Regeln, die in der Natur eingehalten werden müssen. Es gibt Kühe, die lassen sich ungeniert fotografieren, es gibt aber auch Tiere, die komplett anders reagieren.»

Mittlerweile haben die Alp Ergeten mehrere Biker passiert. Sie grüssen, indem sie mit dem Kopf nicken und fahren mit ihren E-Bikes an der fussballgrossen, unübersehbaren Fahrverbots-Tafel vorbei auf das verschlossene Kuhgatter zu.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 26. Juni 2020 09:59
aktualisiert: 26. Juni 2020 10:40